Zwischen 500 und 600 Mitarbeiter sind im Britzer Fleischwerk tätig. Sie wollte die Gewerkschaft Nahrung-Genussmittel-Gaststätten (NGG) am Freitag für den künftigen Arbeitskampf vor den Toren des Betriebs gewinnen. „Zurück an den Verhandlungstisch“ lautet eine Forderung. Seit der Tarifrunde, die im Dezember vergangenen Jahres begann, stehen 6,5 Prozent mehr für die Arbeiter zu Disposition. Um 2,5 Prozent hat die Eberswalder Wurstwaren GmbH (EWG) zu Jahresbeginn die Löhne erhöht. Laut Gewerkschaftssekretär Rafael Mota Machado betrage der Ecklohn in Britz 11,92 Euro die Stunde. „Drei Euro weniger als im Westen der Republik“, sagt er.

Schluss mit Werksverträgen

Um 10 Uhr hatte sich die Gewerkschaft vor dem Tor in Britz aufgebaut, unterstützt vom Deutschen Gewerkschaftsbund. „Wir wollen zeigen, dass wir an der Seite der NGG stehen und hinter den Forderungen“, sagt Ralf Kaiser vom DGB. Mit dabei ist auch Joanna Hubert von der Fachstelle „Migration und Gute Arbeit“ Brandenburg. Sie soll die polnisch sprechenden Arbeiter vor dem Werk informieren.
Denn der größte Umbruch in der Fleischbranche wird jene betreffen, die derzeit über Werksverträge oder Leiharbeit beschäftigt sind. Sie kommen zum Großteil aus dem Nachbarland. Mit den Modellen soll nun 2021 per Gesetz Schluss gemacht werden, ab Januar mit den Werksverträgen, ab April mit der Leiharbeit.

Mehr als 300 Festangestellte

Mehr als 300 Mitarbeiter im Betrieb sind laut Geschäftsführer Sebastian Kühn fest angestellt. Hinzukommen 200 über Werksverträge und aktuell 50 Leiharbeiter. Kühn hat den Aushang gesehen, über den zur Aktion der Gewerkschaft informiert wurde. Der Mann im blauen Anzug sitzt am Freitag einige hundert Meter weiter in seinem Büro auf dem riesigen Fabrikgelände, auf dem auch ungenutzte Gebäude des ehemaligen Schlacht- und Verarbeitungskombinat stehen. Die Wurstwaren seien glücklicherweise gut durch die Krise gekommen, sagt Kühn. Der Betrieb lief trotz Corona weiter.
Für die Mitarbeiter gab es eine Corona-Prämie – zwischen 400 bis 750 Euro, die die NGG auch begrüßt. Doch wolle die Gewerkschaft langfristig Tariflohnerhöhungen verhandeln. Die EWG-Geschäftsführung aber habe den Verhandlungstisch verlassen, heißt es seitens der NGG. Wie Sebastian Kühn gegenüber der MOZ versichert, sei er für Gespräche offen. Er kennt die Wünsche der Gewerkschaft. „Wir sind hier aber auch nicht auf Rosen gebettet“, versichert er.

Niedrige Preise, wenig Spielraum

Kühn hält die Prämienzahlung, so es die Erträge des Unternehmen zulassen, als faires Vorgehen. „Natürlich würde ich meinen Mitarbeitern gern mehr zahlen. Sie sind unser wichtigstes Gut“, sagt Kühn. Es sei schwierig noch welche zu finden. Solange der Verbraucher nicht bereit ist, mehr für Fleisch- und Wurstwaren zu zahlen, bleibt der Spielraum allerdings klein. Wie groß der Spielraum ist, soll sich mit dem Gewinn am Jahresende zeigen.
Durch Abschaffung der Werk- und Leiharbeit dürften bereits höhere Kosten entstehen. Kühn geht von geschätzten zehn bis 20 Prozent aus. Zudem verliere die EWG ihre Flexibilität, wenn es zum Beispiel darum geht, schnell auf große Bestellungen zu reagieren. Praktiziert wurde das Modell bei der EWG eben auch, weil Wettbewerber es auch gemacht haben. Auf der anderen Seite sieht er die Überführung in Festanstellungen, die dann schließlich für alle gilt, auch als Chance, die Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden. Einige polnische Festangestellte zähle der Betrieb bereits. Kommt es zur Gesetzesänderung könnten es schlagartig mehr werden. Vorausgesetzt die Mitarbeiter wollen.