Kathy Kelly. Viele kennen sie als ältere Schwester der Kelly Family, die Anfang der 90er-Jahre mit ihren poppigen Folksongs von alternativen Straßensängern zu Teenie-Stars avancierten, die auch die Eltern mochten. Der Eberswalder Pfarrer und Chorleiter Hanns-Peter Giering erinnert sich noch an die Zeit um die Wende, als plötzlich der rote Bus der "Kellys" am Eberswalder Marktplatz hielt: "Sie stiegen aus und gaben ein Konzert", erzählt er bei dem Konzert in der Maria-Magdalenen-Kirche. Niemand hätte damals das Geld gehabt, zu einem ihrer Konzerte zu gehen, erzählt er.
Inzwischen ist das anders. Wie viele Eberswalder sich Konzertkarten leisten wollen, zeigt sich an einer Kirche, in der kaum ein Platz unbesetzt bleibt. Wie andere Mitglieder der Kelly Family ist auch Kathy Kelly heute erfolgreich solo unterwegs. Auf ihren Touren spielt sie gerne mit lokalen Chören zusammen - so auch in Eberswalde.
Die Westend Gospel Singers stehen in Schwarz mit bunten Schals vor dem Altar und besingen fröhlich ihren Glauben. Schon bei dem Song "Higher And Higher" schafft es Hanns-Peter Giering, die Konzertbesucher von den Stühlen zu reißen. Er ermutigt sie, die Hände in die Höhe zu heben. "Dann werden wir alle miteinander nachher schon fast im Himmel sein", verspricht er schmunzelnd. Als während des Songs plötzlich die Abendsonne durch die bunten Kirchenfenster hinterm Altar zu leuchten beginnt, ist die Versuchung groß, ihm das zu glauben.
Kathy Kelly startet mit einem traurig-staatstragenden "Who'll Come With Me (David's Song)", einem der ersten großen Kelly-Hits. Begleitet wird sie unter anderem von Keyboarder Peter Schnur. Für den zweiten Song legt sie selbst das Akkordeon ab und schnappt sich stattdessen die Gitarre. Mit einem spanischen Song erhöht die Musikerin das Tempo, bevor sie an der elektrischen Geige ein sogenanntes Traditional aus Irland anstimmt. "Danny Boy" ist ein Abschiedslied von einem Mädchen, dessen Geliebter nach Amerika auswandert. "Damals wusste man noch nicht, ob man überhaupt wiederkommt", erzählt Kathy Kelly.
Viele Worte macht sie nicht, sie spielt lieber ein Lied nach dem anderen, wechselt Instrumente, Sprache, Tempo und Genres. Irische Balladen, spanische Rhythmen und bekannte Kelly-Songs wechseln sich ab. Zwischendurch macht sie Ausflüge ins Opern-Genre und singt unter anderem eine Arie aus der Oper "Tosca" von Giacomo Puccini. Ob stimmliche Höhen oder Tiefen, Klassik oder Pop: Sie singt alles gleichermaßen stimmgewaltig. Am schönsten sind dabei die Stücke, in denen sie auf eine allzu opulente und kitschige Begleitung verzichtet und ihre Stimme in den Mittelpunkt stellt.
Viola Krosse gehört zu den Gästen, die die Kelly Family schon sehr lange begleiten. Angefangen habe es durch ihre Tochter, erzählt die Eberswalderin. Noch heute verbindet die beiden die Liebe zur Musik der Folk-Familie. Wenn Konzerte in der Nähe sind, gehen sie hin - ob Angelo Kelly in Berlin oder Kathy Kelly in Eberswalde. "Ich mag ihre Bandbreite", sagt Viola Krosse. Besonders die spanischen Songs gefallen ihr.
Am Ende stehen Kathy Kelly und die Westend Gospel Singers gemeinsam auf der Bühne und stimmen unter anderem das traditionelle Spiritual "Swing Low, Sweet Chariot" an. Kathy Kelly, die nicht zum ersten Mal in Eberswalde ist, bemerkt anerkennend, dass Hanns-Peter Giering gleichzeitig Pfarrer und Chorleiter ist. Das habe sie noch nie erlebt. "Ich habe viele gesehen. Aber ihn vergisst man nicht", sagt sie. Am Ende des Konzerts, als die Sonne draußen bereits untergegangen ist, verwandelt sich die Kirche bei der Zugabe "Shine Your Light" in ein Lichtermeer.