Mehr als 80 Treppenstufen, einige hundert Meter Serpentinen-Fußmarsch, der Aufstieg zum alten Hebewerk ist nicht unbedingt ein Spaziergang. Helmut Kluge nimmt den Weg an manchen Tagen vier Mal, um Touristen aus aller Welt den stählernen Koloss aus nächster Nähe zu zeigen und gleichzeitig mit ihnen einen Blick auf die Baustelle des neuen Schiffsfahrstuhls zu werfen. Mit dem dortigen Baufortschritt wachse auch das Besucherinteresse, sagt der 64-jährige Touristenführer.
Gestern begleitete der Niederfinower, der nach fast 40-jähriger Tätigkeit für das Wasser- und Schifffahrtsamt die Technik aus dem Effeff kennt, Politiker. Die Landtagsfraktion der FDP hatte auf ihrer Sommertour Station in Niederfinow gemacht. Die Liberalen sind in Sorge. Nicht wegen der Verzögerungen beim Bau des neuen Hebewerks, sondern um den Ausbau der Havel-Oder-Wasserstraße. Weshalb auch Eberswaldes Bürgermeister Friedhelm Boginski vor Ort war. Die Millionen-Investition für das neue Schiffshebewerk entfalte ihre Wirkung nur, wenn auch die beiden Brücken westlich angehoben werden: die Klosterbrücke bei Niederfinow und die Straßenbrücke L 200 in Eberswalde.
Für beide Projekte liegen baureife Unterlagen vor. Allein: Das Bundesverkehrsministerium hat die Vorhaben auf Eis gelegt. Die geplanten Ersatzneubauten müssen kommen, sind sich indes die Brandenburger Liberalen einig. Die Wasserstraße könne nicht an Bedeutung zulegen und mit wachsenden Verkehrszahlen aufwarten, wenn es bei diesen Engpässen bliebe, unterstrich Boginski. Entwicklung erfordere Investitionen. An der Wasserstraße hänge eine ganze Region.
Die Stadt werde, so kündigte der Bürgermeister an, deshalb bei der Langen Nacht der Wirtschaft am 8. September den Fokus ganz auf den Oder-Havel-Kanal richten und im Bereich des Eberswalder Hafens eine Pontonbrücke über die Wasserstraße führen.
"Wir müssen jetzt öffentlich Druck machen", pflichtete Gregor Beyer, Vorsitzender der Brandenburger FDP, seinem Parteifreund bei. Die Kräfteverhältnisse in Sachen Bundesverkehrspolitik seien leider derzeit so verteilt, dass Brandenburg keine gewichtige Rolle spiele. Im Gegensatz beispielsweise zu Bayern. Aus diesem Grund wollen Eberswaldes Bürgermeister und die Landes-FDP den Staatssekretär aus dem Hause Peter Ramsauers (CSU) zu einem Gespräch in die Barnimer Kreisstadt einladen. Neben dem Ausbau der Havel-Oder-Wasserstraße soll es dabei auch um die Ortsumgehung B 167 neu gehen.
Ein Straßenbauprojekt bewegt ebenso die Niederfinower, wie Helmut Kluge, selbst Gemeindevertreter, den Liberalen mit auf den Weg gab. Es ginge um die Verlegung der L 29. "Straßenbeleuchtung und Bürgersteig sind nicht Bestandteil des Projektes", beklagte Kluge. Die kleine Gemeinde Niederfinow sei damit aber überfordert. Zudem wies der Touristenführer erneut auf Sicherheitsaspekte im Bereich des Hebewerkes. "Eigentlich gehört hier ein Fußgängerüberweg her", wiederholte Kluge die Forderung der Niederfinower.
Daneben gab der Elektromeister so manche Anekdote aus der Geschichte des alten Hebewerkes zum Besten. Etwa die von der Original-Bautafel, die in den 70er Jahren auf Geheiß des Innenministeriums der DDR abgenommen werden musste. Wegen der Westfirmen. Ein Schichtleiter hob die Tafel auf, und so konnte sie - gut erhalten - gleich nach der Wende wieder angebracht werden. Am Besucherumgang.