Nur wenige Millimeter groß sind die drei Körner in einem Plastiktütchen. Reines Gold. "Meine Brüder haben es gefunden, als wir noch Kinder waren", sagt Kari Fjällström.
An dem Septembertag lässt die 66-Jährige aus Stockholm das Tütchen durch Kinderhände gehen. Am Vormittag haben Dritt- und Viertklässler an der Oderberger Grundschule den Inhalt bestaunt. Die Golzower Kitakinder, die am Nachmittag im großen Garten des Seminar- und Gästehauses "Ananda" zu Gast sind, wissen vielleicht noch zu wenig über das Edelmetall, um beeindruckt zu sein.
Für Kari Fjällström selbst haben die Goldkörner doppelte Symbolkraft. "Mit dem Goldrausch in Alaska hat alles angefangen", sagt sie: die Geschichte ihrer Familie, aber auch die Geschichte von Umweltzerstörungen katastrophalen Ausmaßes. Um Gold zu schürfen, werden oft Chemikalien eingesetzt. "Das vergiftet das Grundwasser und die Flüsse." Die Schwedin hat sich beides zur Aufgabe gemacht: über die Geschichte der indianischen Urbevölkerung Alaskas, eine Geschichte von Zwangsmissionierung und Kulturvernichtung, aufzuklären, genauso wie über die Schutzbedürftigkeit der Erde.
Einmal im Jahr tut sie das in Golzow, wo Kari Fjällström regelmäßig an einem Frauentreffen teilnimmt und anschließend noch ein paar Tage bleibt. "Das sind Abenteuer, aber auch Mord und Totschlag - die Geschichte ihrer Familie ist unglaublich und wäre Stoff für einen Film", sagt Rahmana Dziubany, die mit dem Institut für Tanz und Friedenskünste Gastgeberin ist.
Kari Fjällströms Urgroßvater, ein Norweger, geht ihrer Erzählung nach mit 16 nach Alaska und heiratet dort später eine Indianerin, ihre Urgroßmutter. Er verkauft Lebensmittel an die Goldschürfer. Am Tanana-Fluss, wo er sich niedergelassen hat, stehen anfangs nur drei Blockhütten. Als man dort zu Beginn des 20. Jahrhunderts tatsächlich Gold findet und der Goldrausch einsetzt, wird daraus bald eine riesige Stadt - Fairbanks. Viele kommen zu Geld, was etlichen zum Verhängnis wird, auch dem Urgroßvater, der nun einen Saloon betreibt. Sein Geschäftspartner setzt sich mit einer zum Schein gegründeten Bank ab. Später erschießt ihn ein Rivale.
Es ist der Beginn einer Odyssee von Kari Fjällströms Familie. Die indianische Urgroßmutter - sie gehörte den Athabasken, einem der wenigen noch existierenden Indianervölker Nordamerikas an - wird, nun verwitwet, von ihren sechs Kindern getrennt. Kari Fjällströms Großmutter ist sieben, als sie weggebracht wird. Man legt ihr Nägel in den Mund, um sie daran zu hindern, ihre Sprache zu sprechen. Ein typischer Fall von Zwangsmissionierung. Die Kinder werden auf unterschiedliche christliche Häuser verteilt. Drei von ihnen sterben.
Vor diesem Hintergrund ist Kari Fjällströms Geschichte auch die einer Kosmopolitin mit Wurzeln und Lebensstationen unter anderem in Deutschland, Irland, Norwegen und Kalifornien. Und die Familiengeschichte eine voller früher Tode. So starb die Großmutter jung an Tuberkulose, der Vater des Bruders bei einem Flugzeugabsturz, der eigene Vater mit 31 an Kinderlähmung. "Als ich über 30  war, war ich überrascht, dass ich noch am Leben bin", sagt Kari Fjällström, die einen Schweden heiratete und zwei Töchter und zwei Enkelkinder hat.
Sie war zwölf, als sie von ihren Wurzeln erfuhr und wurde ausgelacht, wenn sie stolz erzählte, dass sie eine Indianerin sei. "Ich habe mich entschieden, alles zu lernen, was ich über die Kultur nicht wusste", sagt sie heute.
Den Kitakindern von der "Zauberlinde" in Golzow teilt sie all das weniger über Worte mit. Sie zeigt Dinge, die mit der Kultur indigener Ureinwohner zu tun haben. Erzählt, dass die Indianer Alaskas keine Pferde, dafür aber Schlittenhunde haben. Sie singt und tanzt mit den Kindern zu Indianerweisen. Und als die Kinder die Konzentration verlieren, weil sie unter einem Baumstamm Getier und Insekteneier entdecken, ist Kari Fjällström keineswegs enttäuscht. "Ich freue mich, dass sie so interessiert an den Würmern sind, weil sie die Natur einfach nur genießen."