Groß Schönebeck kämpft um die Erweiterung der Stammstrecke der Heidekrautbahn und startet eine Online-Petition. "Jede Unterschrift zählt", so Jörg Mitzlaff, Vorsitzender des Bürgervereins in Groß Schönebeck. Mittlerweile haben immerhin 155 Bürger die Petition für einen Zuganschluss nach Berlin Gesundbrunnen im Stundentakt unterschreiben. Nach der Ferienzeit will der Bürgerverein verstärkt für die Aktion werben, um möglichst viele Unterstützer zu finden.
"Unterschreiben sollten alle, die den öffentlichen Nahverkehr im ländlichen Raum fördern wollen", so Mitzlaff. Die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) fährt derzeit von und nach Groß Schönebeck im Zweistundentakt bis Berlin-Karow. Um in die Berliner Innenstadt zu kommen, müssen die Fahrgäste dort in die S-Bahn umsteigen. Das war anno dazumal komfortabler. Von 1901 bis 1961 fuhr der Zug direkt bis Berlin-Wilhelmsruh. Die Heidekrautbahn war "eine wichtige Lebensader der Region", wie es auf der Homepage der NEB heißt. Sie pendelte einst direkt von Berlin-Wilhelmsruh in den Zipfel der Uckermark. Doch mit dem Bau der Mauer wurde die Strecke stillgelegt.
Langer Kampf um Reaktivierung
Seit Jahren wird nun die  Reaktivierung gefordert. Im Januar dieses Jahres einigten sich Berlin und Brandenburg endlich, die Strecke wieder auszubauen. Eine Reaktivierung biete enorme Vorteile für die wachsenden Anrainergemeinden in Oberhavel und Barnim sowie den Berliner Norden. Unterstützt wird das Vorhaben von vielen Kommunen, dem Verkehrsverbund VBB und den Länderregierungen in Berlin und Brandenburg. Am 10. Januar 2019 haben die Länder und die NEB eine entsprechende Planungsvereinbarung zum Streckenausbau unterzeichnet.
Für die Groß Schönebecker und die umliegenden Dörfer wäre dies ein Segen, ist Ortsvorsteher Andreas  Zeidler überzeugt. Eine bessere Anbindung würde gerade für Pendler und Schüler im Dorf Vorteile bringen. Auch weiterer Zuzug nach Groß Schönebeck könnte ein positiver Nebeneffekt einer besseren Anbindung sein. Profitieren würde sicherlich auch der Tourismus: Berliner könnten, wie damals üblich, ohne Umsteigen bequem einen Ausflug aufs Land machen. Allerdings formiert sich an anderer Stelle Widerstand gegen die Ausbaupläne der Heidekrautbahn. In Schildow im Mühlbecker Land wehren sich einige Anwohner: sie befürchten Lärm, Schmutz und Verkehr, wenn künftig mehr Züge fahren. Die Bürgerinitiative "Dialog Heidekrautbahn" macht derzeit gegen den Ausbau mobil. Landrat Daniel Kurth hatte die Groß Schönebecker bei einer Podiumsdiskussion zum Tag der offenen Höfe aufgefordert, sich als künftige Nutznießer des NEB-Ausbaus zu Wort zu melden und das Feld nicht den Gegnern zu überlassen.
"Wir wollen die Debatte sachlich und mit Vernunft führen", so Jörg Mitzlaff. Der Bürgerverein listet in seiner Petition gleich drei Forderungen auf: Der beschlossene Ausbau der alten Stammstrecke von Groß Schönebeck nach Wilhelmsruh bzw. später mal Gesundbrunnen solle zügig umgesetzt werden. Zudem soll auf der Strecke stündlich ein Zug fahren. In einem offenen und nachvollziehbaren Dialog müsse mit allen Betroffenen geredet werden.
In Bürgergesprächen hat die NEB im Mai über die Pläne informiert. Um Wilhelmsruh anzusteuern, müssen allerdings noch rund 1000 Meter Streckengleis zwischen Wilhelmsruh und Pankow Park sowie zwei Bahnübergänge neu gebaut werden. Für den Streckenabschnitt Pankow Park bis Schönwalde ist bereits die grundhafte Erneuerung beschlossen. Im Dezember 2023 sollen erstmals wieder Züge aus der Schorfheide zum Bahnhof Wilhelmsruh fahren, formuliert NEB-Chef Detlef Bröcker das ehrgeizige Ziel, das in Groß Schönebeck auf vollste Zustimmung trifft.

Kommentar: Mit Verstand gegen Aktivisten


Es ist die Zeit der Aktivisten. Unter diesem (durchweg positiv belegte) Begriff wird derzeit viel gefordert und so manches verhindert. Schafft man es, ein paar lautstarke Bürger zu formieren und die Presse zu mobilisieren, scheint alles möglich. Emotionen ersetzen dabei allzu oft Argumente. Viele Massenmedien und Politiker lassen sich vor den Karren der selbsternannten Aktivisten spannen und bauen politischen Druck auf.

Für die politischen Entscheidungsträger kein leichtes Unterfangen, denn sie müssen letztlich das große Ganze im Blick haben. Oft sind Politiker geneigt, den lautesten Aktivisten zu folgen. Doch das kann fatal sein. Wenn einzelne Bürger  keinen Bahnverkehr vor der Haustür wünschen, wird an anderer Stelle dringend benötigter öffentlicher Nahverkehr verhindert. Der ländliche Raum droht abgeschnitten zu werden. Von daher ist es nur zu begrüßen, dass die Groß Schönebecker  mit einer Petition gegensteuern wollen und ihre Interessen klarmachen. Eine bessere Anbindung an Berlin würde den Schorfheide-Dörfern am Zipfel des Barnims nämlich echten Fortschritt bringen. Das Jammern im Ballungsraum ist das kleinere Übel. Susan Hasse