In aller Frühe wird gewissermaßen der Stöpsel gezogen. Der Fahrstuhl wird trockengelegt. Vom 9. Januar an muss die Schifffahrt ruhen - für mindestens sechs Wochen. Wintersperre. Das Hebewerk ist außer Betrieb. Während der Pause inspizieren Leiter Jörg Schumacher und sein Team den Fahrstuhl, warten den stählernen Koloss aus dem Jahr 1934 und reparieren. Fetten, schmieren, ölen, putzen, verschlissene Teile wechseln, messen, einstellen - ein Routineprogramm. Dazu Schäden beseitigen.
Im vergangenen Jahr habe es beispielsweise zwei Schiffsunfälle beziehungsweise Havarien mit Anker gegeben, berichtet Jörg Schumacher. Dabei wurden der Trog und das Trogtor in Mitleidenschaft gezogen. Diese Blessuren müsse man jetzt kurieren. Wobei die Mannschaft ohnehin vorhatte, den Trog zu entleeren und genauestens durch eine Firma unter die Lupe nehmen zu lassen. "Im Frühjahr läuft nämlich die Gewährleistungsfrist für den Korrosionsschutz, für die Trog-Innenbeschichtung ab", erklärt Schumacher. Für die Prüfung müsse die Wanne gründlich gereinigt werden, um etwaige Mängel zu erkennen.
Parallel werde man an der Kanalbrücke im Unterwasserbereich Holzplanken tauschen und Verschleißbohlen erneuern. Mit diesen Instandsetzungsarbeiten seien die Tischler des WSA-Bauhofes beauftragt. Größtes Projekt sei in diesem Winter der Tausch zweier Trogtragseile. Fünf der insgesamt 256 wurden bereits in den vergangenen Jahren gewechselt. Sie galten als "ablegereif", wie es in der Fachsprache heißt. Das Material, so erklärt Schumacher, werde jährlich begutachtet. Auf der Basis dessen werden dann die Arbeiten geplant.
Zwei Seile zu erneuern, das klingt recht unspektakulär. Doch der Aufwand ist enorm. Und die Montagekosten sind entsprechend hoch, sagt der Hebewerkschef. Unter anderem müsse für den Wechsel das Dach der Seilscheibenhalle geöffnet werden. "Über eine Luke wird dann das neue Seil mit einem Kran eingefädelt", erläutert der Fachmann. Das Ganze einmal auf der Nord-, einmal auf der Südseite. Zudem müsse man, um zunächst die Spannung aus den alten, verschlissenen Seilen herauszubekommen, die tonnenschweren Gegengewichte anheben.
Letztmalig waren die Seile komplett 1984 gewechselt worden. Bei diesem Tausch habe man 20 Seile als Reserve bereitgelegt. Und zwar in vier Ausführungen: links- sowie rechtsgängig, für den Rahmen und die Gegengewichte. Sollte der Ersatz langsam zur Neige gehen, müsse man über eine Nachbestellung nachdenken. Immerhin soll das Hebewerk mindestens noch bis 2023 Dienst tun - und zwar zuverlässig, störungsfrei.
Ansonsten, so fügt der Betriebsleiter hinzu, gebe es für ihn und seine Männer während der Wintersperre "jede Menge Kleinkram". Elektroanlage reinigen, Motoren ausbauen, Leonard-Umformersatz überprüfen und reinigen, Bremsbeläge an den Trogantrieben tauschen, Dichtgummi an den Toren wechseln. Schraubverbindungen checken, Ölwechsel. Keine großen Nummern, aber eben ziemlich aufwendig. Allein schon wegen der Trockenlegung. Schumacher schätzt, dass Wartung und Reparatur in diesem Winter mit einem höheren fünfstelligen Betrag zu Buche schlagen. Läuft alles nach Plan und spielt Petrus mit, soll der Fahrstuhl am 20. Februar wieder in Betrieb gehen.
2016 passierten um die 950 Motorschiffe sowie 2300 Schubverbände das Schiffshebewerk. Transportiert wurden zirka 1,1 Millionen Tonnen. Hauptfracht waren Steinkohle, Stahl sowie landwirtschaftliche Produkte wie Getreide und Dünger. Damit, so Schumacher, lag das Güteraufkommen etwas unter dem des Vorjahrjahres. Eine Steigerung war hingegen im touristischen Sektor zu verzeichnen. Im vorigen Jahr wurden auf dem Oder-Havel-Kanal etwa 4600 Sportboote sowie 3500 Fahrgastschiffe abgefertigt. Zudem zählte das Schiffshebewerk etwa 120 000 Besucher.
Während Schumacher und Co. die alte Technik pflegen, überwachen Klaus Winter und sein Team die Arbeiten auf der Baustelle nebenan, wo das neue Schiffshebewerk entsteht. Die Hülle der Seilscheibenhalle wird gerade vollendet. Und die Montage des zentralen Trogsicherungssystems, der Mutterbackensäulen, hat begonnen. Diese Arbeiten werden sich bis zum Sommer erstrecken, so Winter.
Das asiatische Pendant zur Niederfinower Anlage ist unterdessen fertiggestellt. Bekanntlich war in China am Jangtsekiang nach dem Vorbild des Barnimer Hebewerkes ebenfalls ein Fahrstuhl errichtet worden - nur eine Nummer größer. Denn dort ist ein Höhenunterschied von 113 Meter zu überwinden (in Niederfinow sind es "nur" 36 Meter). "Die Anlage hat im September den Probebetrieb aufgenommen", weiß Jörg Schumacher, der im Herbst an einer Arbeitsreise nach China teilnehmen durfte. Immerhin haben er und seine Kollegen chinesische Ingenieure mehrfach geschult. Die Stippvisite beinhaltete auch eine Trogfahrt in dem Mega-Bauwerk. Drei Monate laufe der Probebetrieb unter der Regie der Baufirmen, dann übernehme der künftige Betreiber. Die Endabnahme sei nach einem halben Jahr geplant, berichtet Schumacher.
Ausstellungspavillon: täglich von 10 bis 16 Uhr geöffnet, Besucherplattform gesperrt