Mit Stangenbohnen kann fürs Erste keiner der sieben Mieter aus der Plattenbausiedlung mehr etwas anfangen, die seit Ende März einige freie Parzellen im 1500 Quadratmeter großen Garten der zur Hochschule gehörenden Arbeitsgemeinschaft für Landschaftspflege, Naturschutz, Umweltbildung und Stadtökologie, kurz ALNUS, bewirtschaften. "Unsere Ausbeute an grünen Bohnen war so reichlich, dass wir sie uns in jeder Form übergegessen haben", sagt Stefanie Schlemonat (28). Weder mit brauner Butter noch als Salat kommt das Gemüse ihr so schnell wieder auf den Tisch. Da ist sie sich mit ihrem Sohn Jeremy (4), dem jüngsten Gemeinschaftsgärtner, und ihren Schwestern Aileen (24) und Maria (25) einig, die ebenfalls mindestens einmal pro Woche Beete, Büsche und Bäume aufsuchen. Jetzt ist gerade Apfel-Hochzeit. Noch schmecken die säuerlich-süßen Früchte pur, gerieben, auf dem Kuchen oder als Kompott.
Zumal im Garten ja auch für jede Menge Abwechslung gesorgt sei, verrät Aileen Schlemonat, die im Brandenburgischen Viertel als Vorsitzende des Sprecherrates "Soziale Stadt" in der Verantwortung steht und für das ursprünglich von Studierenden der Eberswalder Hochschule initiierte Gemeinschaftsprojekt den Schriftkram erledigt. Als der Sprecherrat den Gärtnern jüngst 1200 Euro Zuschuss bewilligte, hatte sich die Vorsitzende nicht an der Diskussion beteiligt und war der Abstimmung ferngeblieben. Das klare Ja des Gremiums freut Aileen Schlemonat dennoch - aus zwei Gründen. "Zum einen wird mit der einmütigen Entscheidung deutlich, welch hohen Stellenwert der Gemeinschaftsgarten inzwischen im Viertel hat. Zum anderen kommt uns das Geld für den Kauf von Arbeitsgeräten und für eine Gartenlaube gelegen, die wir dringend brauchen", betont die 24-Jährige.
Ihre älteste Schwester Stefanie ist die vielleicht unermüdlichste Gärtnerin. Als mitten im Sommer wegen eines Rohrbruches der Wasseranschluss abgeschaltet war, hatte sie mehrere Tage in Folge in ihrer Wohnung je zehn Anderthalb-Liter-Flaschen gefüllt, um eine Katastrophe zu verhindern. "Uns ist damals kaum etwas vertrocknet", sagt Stefanie Schlemonat.
Alle Gemeinschaftsgärtner greifen auf den reichen Erfahrungsschatz von Johanna Lienert (83) zurück. "Ich hatte viele, viele Jahre lang einen Garten am Treidelweg gepachtet, bis mir die Arbeit zu viel wurde", sagt sie. Und geht schon wieder in die Knie, um ein Büschel Unkraut herauszureißen, das sich kühn ins Erdbeerbeet gewagt hat.
Dass die Erdbeeren gerade zum zweiten Mal Früchte tragen, liegt am umsichtigen Einsatz der ältesten Gemeinschaftsgärtnerin, die schon weitere Düngepläne schmiedet. Einen Eimer voller Pferdeäpfel hat sie sich dafür bereits besorgt. "Ich habe die netten Leute vom Zirkus bei deren letzten Gastspiel in Eberswalde um eine Spende gebeten", berichtet Johanna Lienert, die sich mit allen Gemeinschaftsgärtnern duzt und von allen mit dem Vornamen angesprochen wird.
"Nicht nur wir Schwestern sind hier eine Familie", sagt Maria Schlemonat, die das Wir-Gefühl einfach toll findet. Gar nicht so selten sitzen Alt und Jung nach getaner Arbeit an einem Feuerchen zusammen. Im Moment lassen sie sich beim Klönen vor allem Apfelkuchen schmecken. Es gab aber auch schon Grillabende.
Für Christoff Gäbler (29) von der Barnimer Energie- und Kulturwendebewegung WandelBAR hätte die erste Saison im Gemeinschaftsgarten kaum phantastischer laufen können. WandelBAR hatte das Projekt der Hochschule aufgegriffen und vorangetrieben. "Es macht Spaß, die Motivation der Beteiligten zu sehen", freut er sich.
Dabei musste das Projekt an einem Ausweichstandort beginnen. Die ursprünglich ins Visier genommene Brache zwischen der Grundschule Schwärzesee und dem mittlerweile freigezogenen beruflichen Gymnasium des Oberstufenzentrums steht nach neuesten Plänen vermutlich erst ab 2015 zur Verfügung. So lange ist die Fläche für Bauarbeiten reserviert.
Die Gemeinschaftsgärtner lassen sich von solchen Rückschlägen nicht entmutigen. "Wir erhalten von der Stadt jede Hilfe, die wir uns wünschen können", lobt Aileen Schlemonat. Auch der ALNUS sei ein unschätzbar wichtiger Verbündeter.