Die Wellen schlugen hoch, als im Januar durch einen Artikel in der Barnimer Bürgerpost der Öffentlichkeit bekannt wurde, dass der Namensgeber der „Rudolf-Schmidt-Medaille für Verdienste um die Heimatforschung“ NSDAP-Mitglied war. Jetzt hat der Heimatverein Eberswalde ein Kolloquium zum Thema abgehalten.
Der Stein des Anstoßes misst 10,5 Zentimeter im Durchmesser, ist aus Weißmetall gefertigt und trägt das Konterfei Rudolf Schmidts auf der einen Seite: Die Ehrenmedaille, mit der der Heimatverein seit 2010 verdiente Regionalhistoriker aus den eigenen Reihen auszeichnet. Inwiefern war der Historiker und Redakteur der „Eberswalder Zeitung“, der 1933 wenige Monate nach der Machtergreifung der Hitler-Partei beigetreten ist, in den Nationalsozialismus verstrickt?
Als Moderator war der Hamburger Historiker und Journalisten Malte Herwig (FAZ, Süddeutsche, Zeit u. a.) eingeladen, der vor zwei Jahren die NSDAP-Mitgliedschaft des Komponisten Hans Werner Henze publik machte. Mit zwei Vorträgen skizzierten Thomas Schaarschmidt vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Klaus Neitmann, Direktor des Brandenburgischen Landeshauptarchivs Potsdam, zunächst den institutionellen Rahmen, in dem sich Regionalhistoriker während des Nationalsozialismus bewegten.
Die Beispiele brandenburgischer Regionalhistoriker, die Neitmann in seinem Referat lieferte, schlugen den Bogen von euphorischen Bekenntnisse zum NS-Staat bis hin zu unauffälliger Anpassung. Da stieß der später hervorgebrachte Kassandraruf aus dem Publikum, es habe zwischen `33 und `45 auch ganz andere Lebensentwürfe – will sagen aktive Widerstandskämpfer – gegeben, bei den Vertretern des Heimatvereins auf wenig Gegenliebe. Rudolf Schmidt habe seine Familie versorgen müssen und wollte sein beträchtliches Lebenswerk nicht gefährden, hieß es in der Diskussion.
Ein drohendes Berufsverbot wird auf dem Kolloquium von Schmidts Verteidigern ins Feld geführt. Doch die dünne Quellenlage vermag keinen Aufschluss zu geben in der Frage, warum er sich neben dem Beitritt zu berufsständischen NS-Verbänden wie dem Reichsverband deutscher Schriftsteller auch noch das Parteibuch hat ausstellen lassen. Dieses Faktum mussten auch die Apologeten als Makel in seiner Vita stehenlassen.
Vor einem unkritischen Umgang mit der Person Rudolf Schmidt warnt denn auch Reinhard Schmook, Leiter des Oderland-Museums in Bad Freienwalde. Doch Schmook wird auch nicht müde zu betonen, dass seine eigene Arbeit ohne die akribischen Vorleistungen Rudolf Schmidts gar nicht denkbar wäre. Wenn es an die Verteidigung des Oberbarnimer Kreishistorikers geht, wird Schmook geradezu emphatisch: Eine „Verpflichtung“ sei es für ihn, „seiner in Dankbarkeit und Verehrung zu gedenken.“
Schmidt sei zudem, von seiner Parteimitgliedschaft abgesehen, nach Quellenlage nie als aktiver Nazi in Erscheinung getreten, betont Schmook. So habe er, wo immer möglich, in seinen Publikationen über unverfängliche Themen berichtet und sei dabei stets sachlich geblieben.
In den von ihm jährlich herausgegebenen „Oberbarnimer Kreiskalendern“ finden sich allerdings auch Beiträge über die Geschichte des Hakenkreuzes oder den Gebrauch von Runen in der Region. Betont nüchtern recherchiert, ohne einen Hauch von nationalsozialistischem Pathos. Eine quecksilbrige Strategie, die ein Urteil darüber erschwert, wie weit die Anpassung Rudolf Schmidts an das Regime reichte. „Er musste manchen Artikel der braunen Machthaber aufnehmen und stand auch sonst unter Anpassungsdruck“, urteilt Reinhard Schmook.
Ein weiterer Diskussionspunkt war der Zeitpunkt von Schmidts Parteibeitritt. Der datiert vom 1. Mai 1933 – und fällt damit in die Zeit unmittelbar nach den Reichstagswahlen vom März 1933, als vielen klar wurde, dass die Diktatur von Dauer sein würde. In der Folge bekannten sich zahlreiche Beamte zur Partei; wohl in der Hoffnung, ein gutes Auskommen unter den neuen Vorzeichen zu sichern. Schmidt trat als Mitglied Nummer 2 317 620 bei, wenige Monate zuvor gab es nur etwa 800 000 Nazis. Als „Märzgefallene“ verspotteten altgediente Nazis ihre neuen Parteigenossen; schließlich wurde sogar ein Beitrittsstopp verhängt.
Dem zentralen Streitpunkt kam das Podium, das von Malte Herwig betont zurückhaltend moderiert wurde, nur in Ansätzen nahe: Darf Rudolf Schmidt mit einer regelmäßig auszulobenden Ehrenmedaille nun zur „vorbildlichen Tradition“, wie Klaus Neitmann es ausdrückt, gemacht werden? Neitmann selbst formuliert seine Antwort vorsichtig: „Er gehört für seine Zeit zu den herausgehobenen brandenburgischen Historikern.“
Der Heimatverein scheint sich ohnehin einig zu sein. „Schmidt ist aus unserer Sicht auch moralisch nicht zu verurteilen“, sagt die Vorsitzende Ingrid Fischer auf Nachfrage. Die Ehrenmedaille soll weiterhin vergeben werden; darüber seien die Vereinsmitglieder sich vor dem Kolloquium bereits einig gewesen.
Offen blieb, warum es überhaupt eine solche Veranstaltung geben musste, wenn der Ausgang von vornherein feststand.