Blauer Himmel, Liegestühle und ein irrer Duft von Holz. Am Pizzawagen ist die Theke ausgeklappt. Einiges größer könnte der Holzofen dahinter sein, weiß Sebastian Wipperfürth inzwischen. Wenn 20 Pizzen auf einmal nachgefragt werden zum Beispiel. „Die erste Pizza haben wir hier per Boot geliefert“, erzählt der 26-Jährige. Nebenan spuckt die Schleuse ein paar Schlafboote auf den Werbellinkanal.
Die Holzscheite hat Wipperfürth in langen Reihen aufgeschichtet. Zum Befeuern seines mobilen Arbeitsgerätes. Und für die Kulisse, die ohnehin kaum malerischer ausfallen könnte: Der Blick geht auf den Rosenbecker See. Frisch bepflanzte Kräuterhügel grünen. Schafe meckern hinterm Haus. Die Straße, die Haus und Hof vom Wasser trennt, ist so wenig befahren, dass sie gefahrlos über den Asphalt laufen können. „Es ist noch schöner, als ich es mir vorgestellt habe“, meint Sebastian Wipperfürth, den erst das Studium aus dem Westen Deutschlands in die Region gebracht und die Liebe und ein gemeinsamer Lebenstraum dann festgehalten haben.
Was er sagt, ist weniger auf die Idylle gemünzt als darauf, wie gut alles läuft. Am Wochenende etwa. Die Neuen vom Schleusenhof bekamen ein Konzert von der Rockband „Die Zunft“. Eine gute Gelegenheit, sich mit dem frisch eröffneten Kräuter-Pizza-Hof bei Gästen zu empfehlen. Für 80 bis 90 Besucher hatte das Paar geplant. Dass es deutlich mehr werden könnten, merkten sie, als Ortsvorsteher Silvio Wurmsee aus Eichhorst vorsorglich mit zusätzlichen Biertischen vorbeikam. Schon zwei Stunden vor Konzertbeginn waren die ersten Besucher da. „160 waren es bestimmt zur Spitzenzeit“, resümieren sie erfreut. Nach dem Hin und Her der vergangenen Monate war das Interesse am Treiben auf dem Hof groß. „Unser Lebenstraum ist geplatzt“, sagten Eileen Meister und Wipperfürth vor einem dreiviertel Jahr noch schwer enttäuscht.
Der Schleusenwärterhof stand lange leer, nachdem die Schleuse auf Selbstbedienung umgestellt und kein Wärter mehr gebraucht wurde. Die Gemeinde Schorfheide kaufte den Hof. Der Plan: Mögliche Pächter bauen ihn touristisch aus. Ein Bewerber sprang ab. Dann traten die Ökolandbaustudenten mit ihrem Geschäftskonzept an. „Ich ging schon mit dem Projekt im Hinterkopf ins Studium“, erzählt Eileen Meister, die in Rosenbeck aufgewachsen ist. Während des Studiums gründete die seit Dezember vierköpfige Familie und feilte mit ihrem Mann an der Idee vom Naturerlebnishof an der Schleuse. Doch Eigenkapital fehlte nach dem Abschluss vor einem Jahr. Den Zuschlag bekam die Konkurrenz.
„Es ist eine Superchance, die uns die Gemeinde gegeben hat“, kann die Kräuterexpertin mittlerweile aber sagen. Die kam unerwartet zum Jahresende, als die Gegenkandidaten doch noch absagten. Zum 1. Juni haben Meister/Wipperfürth den Erbbaurechtsvertrag unterschrieben, sie können das Grundstück also nutzen, als wäre es ihr Eigentum. Seitdem klotzen sie vom frühen Morgen bis zum späten Abend ran.
Überwältigt berichten die zwei vom Kräuterhof, wie viele Nachbarn und Freunde schon mit angepackt haben. Überhaupt gab es viel Zuspruch, auch beim Konzert am Sonntag. Manchmal heißt es: „Es ist mutig, was ihr da macht.“ Mit den Umbauten im Haus geht es im nächsten Jahr los. Ausflügler sollen dann auch für die Nacht unterkommen. Drei Gästezimmer sind geplant, im Erdgeschoss Gastronomie, in der Scheune Betten auf Heu. „Die Sauna kommt hoffentlich noch im Herbst“, sagt Eileen Meister. Später wollen die Rosenbecker ihre Hofprodukte auf Märkten und in Regionalläden anbieten, Kräuterwanderungen begleiten und vieles mehr.
Mitbewirtschaftet wird der Hof schon jetzt von Ringelnatz und den anderen Kamerunschafen. Viele Besucher verwechseln die schmalen, kurzhaarigen Tiere mit Ziegen. „Wir sagen selbst schon Ziegen“, erklärt Sebastian Wipperfürth. Weitere seltene Haustierrassen folgen gewiss. „Wenn es in ein paar Jahren rund ist, wird das ein richtiger Naturerlebnishof“, glaubt der Neu-Rosenbecker, Nach den ersten sechs Wochen ist das Paar mehr als überzeugt, das Richtige zu tun. „Wir haben unseren Fleck gefunden“, sagt Eileen Meister.