Die Pleite des Briloner Solarunternehmers Solarhybrid hat auch Auswirkungen auf den Barnim.
Zahlreiche Firmen aus der Region haben am Bau von Europas größtem Solarkraftwerk auf dem einstigen Flugplatz Finow mitgewirkt. Einige Unternehmer warten seit Januar auf ausstehende Zahlungen. Zudem werden Befürchtungen laut, dass sich die Pleite auf die verbliebenen Flugplatzfirmen auswirken könnte.
Überrascht von der Pleite? Keineswegs - „wir haben ja darauf hingewiesen, dass das kommen könnte“, sagt Holger Kalinka. „So einen Sarkophag hier hinzuknallen“, schimpft der Unternehmer, dessen Firma Kapi Electronics Flugschreiber für Kleinflugzeuge entwickelt. Er meint damit das gigantische Solarfeld, dem der größte Teil des früheren Flugplatzes weichen musste - und mit ihm einige Firmen und Vereine. Das „Wir“, eine Interessengemeinschaft der Gewerbetreibenden dort, gibt es längst nicht mehr. Kalinka ist einer von wenigen, die noch da sind.
Zu seinem Firmensitz gelangt er derzeit nur auf abenteuerliche Weise. „Ich bin hier abgeschnitten - die Straße zum Flugplatz wird ja nicht mehr weitergebaut.“ Wer wollte, sagt er, hätte die Schwierigkeiten des Solarunternehmens sehen können. Ob er davon auch unmittelbar betroffen ist, weiß Holger Kalinka indes noch nicht so recht. „Wir können nur hoffen, dass es zwischen dem Flugplatz und Solarhybrid keine Verquickungen gibt“, sagt er. Eines jedoch ist für den Firmenchef klar: „Wir sind von der Politik betrogen worden. Einige wenige haben sich bereichert, der Verlierer ist die Region.“ Die Schuld sucht er vor allem in der Gemeinde Schorfheide, die sich für den Bau des Solarkraftwerks stark gemacht hatte.
Uwe Schoknecht, Bürgermeister der Kommune, sieht das ganz anders. Am Mittwoch gibt Solarhybrid im heimischen Sauerland seine Insolvenz bekannt. Am selben Abend tagt in Finowfurt der Schorfheider Hauptausschuss. Schoknecht informiert dort über die Sachlage. Der Verwaltungschef wirkte gelassen. Er habe auf alle Fälle berichten wollen, „dass das auf uns direkt keine Auswirkungen hat“, sagte Schoknecht den Zuhörern.
Natürlich bedaure er es als Bürgermeister immer, wenn Firmen, die in der Region tätig waren, in Schieflage gerieten. Zumal wenn möglicherweise Subunternehmer aus der Region daran hingen, sagt er auch. Für sich habe die Gemeinde aber das Richtige getan. Ihre Verträge zur Weiterführung Solaranlage habe sie „mit den Richtigen“ geschlossen - mit der Altira Group und dem Fonds, der sie betreiben werde. Und das Projekt sei ja im Wesentlichen fertiggestellt, erklärt Schoknecht später auf Nachfrage.
Auch im Falle der Straße, die die B 167 am Realkauf mit der Anlage und dem Flugplatz verbinden soll, zeigt sich der Bürgermeister optimistisch. „Die wird sicher fertig gebaut.“ Falls nicht, werde sich die Gemeinde aus Bürgschaften bedienen. Vertraglich habe sich die Kommune gut abgesichert. „Wir haben uns sehr renommierter Wirtschaftsprüfer bedient“, so Schoknechts Hinweis. „Die Anlage ist fertig, sie ist ein Erfolg. Die Gemeinde hat ihre Interessen gewahrt“, bringt er es auf den Punkt.
Allerdings dürften der Gemeinde Einnahmen verloren gehen. Denn auch Schorfheider, die Gewerbesteuern abführen, sind von der Solarhybrid-Insolvenz betroffen. Übereinstimmend berichten Geschäftsführer mehrerer Firmen, auch aus Eberswalde und Umgebung, dass sie auf die Bezahlung ihrer Dienste für Solarhybrid bereits gewartet haben. Vereinzelt seit Dezember, überwiegend seit Januar.
„Das geht uns ganz genauso“, sagt Rüdiger Schmidt, Geschäftsführer der Finowfurter Gesellschaft für Geotechnik und Kampfmittelbergung mbH (FGGK), die in besonderem Maße davon betroffen ist. „Wir haben Forderungen im siebenstelligen Bereich offen.“ Schmidts Firma räumte das Solarfeld von Munition frei, übernahm zudem Bauarbeiten. Dafür hat er Subunternehmen gebunden, „insgesamt eine Handvoll“. Auch sie könne er derzeit nicht bedienen.
Wie hoch die Verluste nach der Solarhybrid-Pleite tatsächlich sein werden, lasse sich noch nicht abschätzen. „Wir sind dabei, mit Beteiligten und Banken nach einer Lösung zu suchen“, sagt der FGGK-Chef. „Auf jeden Fall ist es eine schwierige Situation. Sie wird sicherlich auch einige Arbeitsplätze kosten.“ Die Secoplast GmbH, in die Schmidt gerade erst mehrere Millionen Euro für eine neue Recyclinganlage im Finowfurter Gewerbegebiet gesteckt hat, sei nicht betroffen. Beide Firmen seien finanziell unterschiedlich aufgestellt. Aber auch Auswirkungen auf die Firmengruppe schließt Schmidt nicht aus. An der Solaranlage hat Schmidt aufgrund der ausbleibenden Zahlungen die Arbeiten eingestellt. Unter anderem an der Straße, die die Gemeinde später übernehmen wollte. Seit dem ersten Spatenstich im September füllte sich der Platz in rasendem Tempo mit Modulen. Noch vor Weihnachten war die Anlage ans Netz gegangen. Auf ihrer Internetseite ist der gigantische Solarpark mit der imposanten Bauzeit von 15 Wochen das Aushängeschild der nun insolventen Firma. Ende März sollte Finow II fertig sein. Diesen Termin hatte der Generalunternehmer Solarhybrid zur Übergabe benannt. Wie es weitergeht, war von der Firma gestern nicht zu erfahren. Weder Vorstandschef Tom Schröder noch seine Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit äußerten sich oder gaben eine Stellungnahme ab.
Projektanten, Planungsbüros, Naturschützer und Gutachter aus der Region waren in das Riesenprojekt eingespannt. Einige Barnimer Unternehmen haben sich zudem für weitere Großvorhaben Solarhybrids engagieren lassen. Als Generalunternehmer hat die Firma aus dem Sauerland auf einstigen Militärflugplätzen Module in großem Stil aufgestellt. „Bei manchen, denke ich mir, ist es Existenzangst“, sagt ein Eberswalder Unternehmer, der selbst noch auf einen guten Ausgang vertraglicher Absprachen hofft. Seinen Namen wolle er daher nicht preisgeben.
Wie der Betreiber - das Team Altira Reneweables Management - die Entwicklung bewertet, ist unklar. „Mögliche Auswirkungen der Insolvenz prüfen wir derzeit, sagte ein Unternehmenssprecher.
Redselig zur Eröffnung: Hier war die Welt noch in Ordnung. Tom Schröder von der Solarhybrid AG erklärte am 1. September 2011 seine Idee vom gigantischen Solarpark FinowTower II. Schorfheides Bürgermeister Uwe Schoknecht scheint schon kritisch seine Gewerbesteuern nachzurechnen. Foto: MOZ/Thomas Burckhardt