Das Auditorium auf dem Waldcampus der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNE) ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Ganz vorn Platz genommen hat Professor Horst Lyr neben Oberförsterin a. D. Gudrun Karlsch. Beide sind Zeitzeugen der Schließung der Forstlichen Fakultät vor einem halben Jahrhundert. Beide sind gleichzeitig Kronzeugen in der Filmdokumentation "Protokoll einer Schließung", die Burghard Ciesla und Daniel Ast im Auftrag der Eberswalder Hochschule produziert haben. Der 60-Minutenstreifen wird am Dienstagnachmittag uraufgeführt.
Die Filmdokumentation erzählt, wie es dazu kam, dass 1963 die SED-Spitze 130 Jahre weltweit anerkannte Hochschullehre in Eberswalde beendete. Offiziell aus wirtschaftlichen Gründen: Konzentration und Sparsamkeit in allen Zweigen der Volkswirtschaft. Eberswalde stand damals in Konkurrenz zu Tharandt. Wissenschaftliche Einrichtungen werden bis heute auf den Prüfstand gestellt, evaluiert heißt das in der Welt der Wissenschaft heute. Doch die Begründung im Dokument Nr. 5026 des Zentralkomitees der SED erweist sich bei Auswertung auch der Stasi-Unterlagenbehörde sowie der Befragung von Zeitzeugen wie der Professoren beziehungsweise ehemaligen Studenten Hans-Friedrich Joachim, Horst Lyr, Paul Hauenschild und vieler anderer als zweckdienliche Propaganda.
Den Autoren der Filmdokumentation gelingt es vor allem mit Hilfe der Zeitzeugen, die Hintergründe der Ereignisse auf diesem Nebenschauplatz des Kalten Krieges zu erklären. Auswirkungen des Volksaufstandes in der DDR 1953 und der Ereignisse in Ungarn 1956 finden dort Platz und Einordnung. Ciesla und Ast enthüllen mit der Präzision von Zeitdetektiven ein ideologisch inspiriertes Ränkespiel von Politikern, Stasi-Spitzeln und Spionen, das damals vielen Interessenten in die Hände spielt.
Tausende Seiten Stasi-Akten, ungezählte Stunden Interviews, Archivrecherchen und wochenlanger Schnitt sind der Uraufführung vorangegangen, sagt Burghard Ciesla, der Kopf hinter dem "Protokoll einer Schließung". Er hätte gern mehr Zeit gehabt für dieses Projekt und ist sich fast sicher, dass es eine Fortsetzung geben muss. Die Zeit zwischen 1918 und 1945.
Der Titel der Tagung am Dienstag ("...wegen mangelhafter politischer Erziehung") benennt laut Ciesla einen der Hauptvorwürfe der SED-Obrigkeit gegen die Lehr- und Forschungsanstalt in Eberswalde und ihr Personal, der letztlich den Ausschlag für den Kahlschlag in Eberswalde und der Weiterführung der forstlichen Lehre in Tharandt gegeben hat. "Dagegen half kein Einspruch", wird im Film ein Zeitzeuge zitiert. Ein anderer, Paul Hauenschild, sagt: Man hätte es anders machen können, wenn man denn gewollt hätte.
Die Zuschauer im Pfeil-Auditorium reagieren betroffen auf die Enthüllungen der Vorgehensweise von SED-Partei, DDR-Staat und Staatssicherheit gegen Studenten und Lehrende, auf Überwachung, zurechtgezimmerte Agentenvorwürfe, aus heutiger Sicht schier unglaubliche Schauprozesse, harte Verurteilungen, Flucht, Treue und Verrat unter Freunden und Kollegen. Ein Protokoll der Vertreibung. Ein Protokoll des Misstrauens der SED-Spitze gegen die Intelligenz im eigenen Lande. Ein Protokoll der Wegbereitung für Sonderjagdgebiete in der Schorfheide, wo Honecker und Mielke später allein oder mit politischen Freunden oder Staatsgästen Hirsche und manche Böcke schossen. Sie nehmen zur Kenntnis, dass es erfundene und echte Spione gibt. Manchmal bricht sich auch Lachen Bahn. An einem 15. Juni vollenden Studenten einen der traditionellen Streiche in Eberswalde. Sie schlagen einen Weihnachtsbaum und errichten ihn in der Stadt. Aufschrift: Der Weihnachtsmann grüßt Eberswalde mit 153 Tagen Planvorsprung. Darüber lacht die ganze Stadt. Nur die Staatsmacht nicht. Sie fühlte sich provoziert, herausgefordert. Zwei Tage vor dem Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR. Die Kripo ermittelt fieberhaft. Trotzdem bleibt der Vorfall folgenlos für die beteiligten spöttischen Studenten. Damals wagte offenbar noch niemand ein ganzes Semester zu exmatrikulieren. 1962/1963 gibt es keine Bedenken mehr, die ganze Fakultät zu schließen.
Parallel zum Redaktionsschluss dieser Seite beleuchteten Vorträge auf dem Waldcampus die Agrar- und Hochschulpolitik der SED zwischen 1953 und 1963, die "Waldstadt" und das "Schaufenster" West-Berlin im Kalten Krieg zwischen 1948 und 1961 sowie die "Feindtätigkeit an der Forstfakultät".
Prof. Martin Sabrow moderierte im Anschluss die Diskussion von Zeitzeugen und Experten.