Märkische Oderzeitung: Heißt Ihr Geschäft „Radhaus“, weil Sie gerne mal im Rathaus mit „t“ sitzen würden?
Nein. Ich liebe meinen Beruf, er füllt mich aus. Und alles, was ich an ehrenamtlicher Arbeit mache, gelingt mir im Radhaus mit „d“ sicher besser als im Rathaus.
Aber Sie sind doch mit WIR, dem Wirtschafts-Interessen-Ring, politisch engagiert?
Wenn man das Politik nennen möchte. Wir orientieren uns weniger an politischen Strömungen als an der Entwicklung unserer Stadt, wie wir sie gerne hätten.
Fühlen Sie sich von der Politik in Eberswalde nicht richtig vertreten?
Richtig, bis auf wenige Ausnahmen. Das geht vielen so. Ist es nicht alarmierend, dass wir bei Kommunalwahlen nur 37 Prozent Wahlbeteiligung haben? Wir liegen am untersten Ende des Brandenburger Durchschnitts. Das ist für mich ein Zeichen, dass die Politik viele Bürger nicht mehr erreicht.
Aber warum machen Sie es dann nicht besser, sondern gehen in die Lobby-Arbeit?
Das ist Lobbyarbeit für die Wirtschaft und die Eberswalder. Dabei arbeiten wir immer stadtbezogen. Wir wollen einen erkennbaren Vorteil für alle, die hier leben.
Was bietet Eberswalde, für Bewohner und Unternehmer?
Eberswalde hat klare Standortvorteile. Viele Berliner, die ich kenne, loben zum Beispiel unsere Schulen, unsere Umgebung, unseren Zoo. Aber das reicht nicht aus, um Investoren in die Region zu locken. Da haben wir unsere Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft.
Was muss dafür aus Ihrer Sicht getan werden?
Dazu gibt es schon viel beschriebenes Papier. Ich nenne mal nur einen Punkt. Heute fehlen die Fachkräfte. Ich habe immer noch Kontakt zu ehemaligen Jugendlichen, die ich in der Sportbewegung mitbetreut habe. Das sind qualifizierte Leute, die heute in Bremen arbeiten, in Norwegen oder der Schweiz. Viele würden sofort zurückkommen, wenn sie die entsprechende Arbeit und den Lohn bekämen. Die Sehnsucht nach Eberswalde ist immer noch da. Aber sich beruflich zu verwirklichen, diese Chance bietet ihnen die Stadt noch nicht.
Also ein Teufelskreis: Ohne Fachkräfte keine Firmen, ohne Firmen keine Fachkräfte?
Der Teufelskreis begann ja wieder in der Politik. Ich empfinde es als einen Skandal, dass man qualifizierten Arbeitern und Ingenieuren Geld angeboten hatte, damit sie von hier weggehen. Das war ein offizielles Förderprogramm, um sie in Arbeit zu bringen. Jetzt müsste man ihnen Geld zahlen, dass sie zurückkommen.
Gibt es keine Möglichkeit, die Spirale zu durchbrechen?
Im Moment sehe ich keine praktische Lösung. Wir müssen zeigen, was wir haben. Wir liegen nahe an Berlin, aber die Verkehrsanbindungen müssten besser sein. Noch tauscht niemand Berlin gegen Eberswalde ein.
Weil hier nichts los ist?
Außenstehende und einige Eberswalder sehen das so. Aber es ist falsch, alles auf „Nichts los“ zu reduzieren. Da passiert in unserer Stadt sportlich, kulturell und wirtschaftlich oftmals mehr, als es manche wahr haben wollen.
Schätzen die Eberswalder nicht, was sie haben?
Der Eberswalder sagt zu einer gelungenen Sache: „Da kannste nicht meckern“. Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Eberswalder aus der Lethargie erwachen und sich aktiver einbringen. Dass das funktioniert, hat im vergangenen Jahr die Aktion „Kunst trifft Wirtschaft“ in der Eisenbahnstraße gezeigt. Politisch wurde die Straße für tot erklärt. Heute haben wir sie gemeinsam mit Stadt, Bürgern und Anwohnern auf einen guten Weg gebracht.
Warum ist die Eisenbahnstraße so wichtig?
Wir sehen Stadtentwicklung in mehreren Stufen: Erst brauchten wir ein Stadtzentrum. Das ist aus meiner Sicht gut gelungen. Im nächsten Schritt müssen wir eine Achse zwischen Bahnhof und Stadtzentrum herstellen.
Über die Eisenbahnstraße?
Genau. Wir brauchen Sichtachsen, die neugierig machen, in die Straße hineinzugehen. Eine Einkaufsmeile wird das nicht mehr werden. Aber hier sitzen 102 Firmen. Das wissen die wenigsten.
Wenn das keiner sieht, was soll die Besucher neugierig machen?
Deshalb reden wir von „Lebensraum Eisenbahnstraße“. Die Menschen sollen Lust bekommen, hier zu verweilen. Der WIR hat einige Bänke und Blumenkästen aufgestellt. Wir haben mit der Mühle die Initiative „Kunst trifft Wirtschaft“ gestartet. Die Leute sehen einen Laden, ein Wandbild und sagen: Das schauen wir uns an. Dann sind sie in der Ebertstraße. So formt sich ein Bild.
Was sind die nächsten Pläne mit der Eisenbahnstraße?
Gerade ist die Eisenbahnstraße in einem Bundesförderprogrammm ausgezeichnet worden. Die 200 000 Euro, die wir bekommen haben, wollen wir jetzt einsetzen, um das Projekt mit Leben zu füllen. Wir müssen die Umleitung der B 167 vorantreiben. Niemand wird die Straße entlangspazieren, wenn da ständig Vierzehntonner entlangdonnern. Außerdem kämpfen wir darum, dass Schrottimmobilien wie die Brauerei aufgewertet werden oder verschwinden.
Als Sie im November 1974 aus Mecklenburg-Vorpommern hierher kamen, sah der Bahnhof also schrecklich aus und die Eisenbahnstraße auch. Warum sind Sie überhaupt hier geblieben?
Ich habe in Britz das Schlacht- und Verarbeitungskombinat Eberswalde mit aufgebaut. Als die Wende kam, musste ich entscheiden, was ich jetzt tue. Meine Kinder waren noch in der Schule, deshalb wollte ich nicht weg. Da dachte ich: Warum machst du nicht das, was dir Spaß macht?
Das war das Fahrradfahren?
Ja. Als ich drei Jahre alt war, habe ich immer heimlich das Fahrrad meiner großen Schwester genommen. Das war natürlich zu groß, ich konnte anfangs nicht die Pedale treten, sondern mich nur vom Boden abstoßen wie bei einem Roller.
So kamen Sie auf die Idee mit dem Fahrradgeschäft?
Ich habe mit einem Klappstuhl am Werbellinsee angefangen, Fahrräder verliehen und Fahrradtouren geführt.
Wie wirkt Eberswalde – vom Fahrradsattel aus betrachtet?
Ich mache heute noch möglichst jeden Sonntag eine Stadtrundfahrt, um mich daran zu erinnern, was sich in der Stadt schon positiv verändert hat, wie toll das aussieht. Das sollten sich alle Eberswalder öfter mal ansehen. Allerdings muss die Stadt auch mehr für Fahrradfahrer tun.
Was zum Beispiel?
Der Autofahrer ist nach wie vor oberstes Gebot. Die Fahrradwege in der Innenstadt sind nicht vernünftig miteinander verknüpft. Entweder fährst du auf dem Gehsteig, um sicher zu sein, oder weichst parkenden Autos aus. Dabei wäre es so einfach: Pinsel statt Beton. In München zum Beispiel ist ein Drittel der Straße für die Fahrräder abgeteilt. In der Eisenbahnstraße nimmt man den Bürgersteig weg, um Autos parken zu lassen.
Also ist Eberswalde keine Fahrradstadt, wie es vor Jahren hieß?
Nein. Wir haben es einst politisch verpasst, den Radweg Berlin–Usedom über Eberswalde laufen zu lassen. Jetzt müssen wir den Radwanderern einen Grund liefern, warum sie einen 25 Kilometer langen Umweg nach Eberswalde machen sollen. Sie müssen sagen: Sonst haben wir was verpasst!