Fast ein Jahr lang währte der Kampf zwischen Kerstin G., der ehemaligen Betreuungskraft, und dem Landkreis Barnim. Per 1. September 2012 hatte der Kreis das Pflegeheim Webers Ablage an die Unternehmensgruppe Burchard Führer verkauft. Und in der Folge G. entlassen. Am Mittwoch sollte die Verhandlung in Sachen Kündigungsschutzklage G. gegen Kreis vor dem Arbeitsgericht Eberswalde fortgesetzt werden. Kurz vor dem Termin verständigten sich die Parteien auf einen Kompromiss.
Wie André von Ossowski vom Arbeitsgericht mitteilte, sei ein Vergleich geschlossen worden. Und zwar auf ausdrückliche Anregung des Gerichtes und dessen Vorschlag. Der Vergleich, so von Ossowski, sehe die ordentliche betriebsbedingte Kündigung G.'s per 31. Dezember 2012, das Ausstellen eines ordentlichen Arbeitszeugnisses sowie die Zahlung einer Abfindung vor. Beide Seiten hätten bereits zugestimmt.
Marion Walter, Vorsitzende des Personalrates der Kreisverwaltung, zeigte sich am Mittwoch "mehr als verwundert". Walter, die eigentlich für Vormittag noch einmal als Zeugin zur Verhandlung geladen war, hat am Dienstagnachmittag vom avisierten Vergleich erfahren. Nach Kenntnis einiger Details äußerte sie sich "sehr unzufrieden mit dem Ergebnis". Denn: Für Walter steht nach wie vor fest, dass der Landkreis ein Versprechen abgegeben hat, wonach er sich verpflichtete, alle Mitarbeiter, die nicht zur Führer-Gruppe wechseln, weiterzubeschäftigen. Im Fall G. habe er diese Zusicherung nicht eingehalten. Die Verwaltung habe bis zum Schluss nicht akzeptiert, dass die ehemalige Betreuungskraft, die zuvor eine sogenannte Entfristungsklage gegen den Kreis gewonnen hatte, als Mitarbeiterin mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag galt. Nun habe G. endgültig ihren Job verloren, bedauert Walter. Und fügte sogleich hinzu: "Für mich hat dieser Vergleich einen schlechten Beigeschmack."
Rechtsanwältin Astrid Lipps, die G. vor Gericht vertrat, spricht - trotz des Vergleichs - von einer "Provinzposse" und einem "Skandal". Sie habe ihrer Mandantin nach dem Angebot die möglichen Varianten und die Risiken aufgezeigt. Mit Blick auf die konkrete Situation der Kerstin G. und den nervenaufreibenden, langen Prozess könne sie die Entscheidung ihrer Mandantin sehr gut verstehen, sagte Lipps. Auch wenn der Rechtsstreit nunmehr beigelegt sei, so gebe es doch im dem Fall keine Gewinner, sondern nur Verlierer. "Meine Mandantin hat das Vertrauen in ihren früheren Arbeitgeber verloren und in die Institution Landkreis." Der Landkreis wiederum habe "politisch Schaden genommen". Der Fall habe u. a. "ein Stellen-Gemauschel" offenbart.
Die Betroffene selbst hielt sich mit Kommentaren zurück. Die 39-jährige Lieperin erklärte lediglich: "In dem ganzen Verfahren habe ich die menschliche Seite vermisst." Ihr sei es allein um ihr Recht und eine soziale Absicherung gegangen.
Petra Honig von der Gewerkschaft Ver.di äußerte sich ähnlich befremdet ob des Ausgangs wie der Personalrat. Das Verfahren um die Veräußerung des Pflegeheimes sowie die Zukunft der Mitarbeiter sei völlig "intransparent" und "nebulös" verlaufen, so Honig. Ihres Wissens hätten noch immer nicht alle Kollegen einen neuen Arbeitsvertrag beim Landkreis. Was Marion Walter bestätigte.
Kreistagsmitglied Albrecht Triller, der im Juni mit Johannes Madeja in einem offenen Brief an den Landrat die sofortige Wiedereinstellung G.'s gefordert hatte, hält vor allem die Trennung in eine rechtliche und eine politische Seite im konkreten Fall für fatal. Triller beharrt auf seiner Meinung, dass der Kreis G. hätte beschäftigen müssen - und können. "Denn aktuell ist ein Platz an der Rezeption im Kreishaus frei", so Triller. Er selbst wie auch die Fraktion BVB/Freie Wähler halten eine politische Aufarbeitung offenbar für dringend geboten. BVB/Freie Wähler hat einen Antrag für den September-Kreistag gestellt. Darin erinnert die Fraktion die Verwaltung an den Geist des Beschlusses zum Heim-Verkauf und die abgegebene Beschäftigungsgarantie.
Ein Prozess-Beobachter kommentierte am Mittwoch den Ausgang der Causa G. mit den Worten: "Dies ist kein guter Tag für die Arbeitnehmer-Rechte." Der Landkreis Barnim selbst hat sich trotz Anfrage der MOZ nicht zum Fall geäußert. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe gab es keinerlei Stellungnahme oder Reaktion aus dem Paul-Wunderlich-Haus bzw. vom Arbeitgeber.