Während der rund vierstündigen Fahrt über den Finowkanal wechselt das Mikrofon zwischen Kapitän Schlößin und Mitorganisator Hartmut Ginnow-Merkert von der Initiative "Unser Finowkanal" hin und her. Die MS Stadt Oderberg biegt am Schiffshebewerk links in den Kanal ein, fährt an Ferienhäusern, winkenden Anwohnern, weidenden Kühen vorbei und durch die vier denkmalgeschützten Schleusen Liepe, Stecher, Ragöse und Eberswalde hindurch. Dabei geben die beiden Experten abwechselnd Einblick in die Geschichte der Wasserstraße.
Richtige Bootsfahrten auf dem Finowkanal finden nur noch selten statt. Der Kanal wurde zu Beginn des 17. Jahrhundert als Verbindung zwischen Oder und Havel erbaut, auf ihm wurden Güter transportiert. Er brachte dem Finowtal ab Mitte des 18. Jahrhunderts den wirtschaftlichen Aufschwung. Doch seit der Errichtung des fortschrittlicheren Oder-Havel-Kanals zu Anfang des 20. Jahrhunderts ging die Berufsschifffahrt auf dem Finowkanal stetig zurück, spätestens seit den 70er-Jahren war endgültig Schluss. Und seitdem die 32 Kilometer lange Binnenwasserstraße und ihre 12 immer noch handbetriebenen Schleusen wirtschaftlich keine Bedeutung mehr haben, verfallen sie stetig. Nur noch vereinzelt fahren Paddelboote, Floße oder kleinere Motorboote durch das Gewässer. Wegen des maroden Zustands des Kanals kann es jederzeit passieren, dass er für die Schifffahrt geschlossen wird.
Aus diesem Grund hat Hartmut Ginnow-Merkert die Initiative "Unser Finowkanal" gegründet, die sich für den Erhalt und die Sanierung des Kanals einsetzt. Nun hat die Initiative gemeinsam mit dem Eberswalder Reisebüro "Fern und Meer" von Thomas Winkler und mit Kapitän Schlößin vom 19. bis zum 21. Juni Fahrten auf dem Finowkanal organisiert. Die erste Fahrt am Donnerstag startet am Dock Oderberg und endet an der Stadtschleuse Eberswalde. Von dort aus werden Touren zu weiteren Schleusen angeboten.
Die rund 30 Senioren erreichen das Fahrgastschiff am Vormittag mit einem Shuttlebus. Dort empfängt sie Kapitän Schlößin, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hat, und seine Besatzung: Gerlinde Schlenther, die als Matrosin aushilft, und Köchin Edeltraud, die sich aus Spaß als "Saftschubse" bezeichnet.
Das Wetter ist für eine Ausflugsfahrt durch die verwunschene Landschaft des Finowtals nicht das beste. Der Himmel ist bewölkt, ein kräftiger Wind weht und es regnet immer wieder. Deshalb hat es sich ein Teil der Gäste im Salon gemütlich gemacht. Auch von hier aus haben sie durch die großen Glasfenster hindurch einen guten Blick auf das dicht mit Schilf bewachsene Ufer und die unzähligen Seerosen, die auf dem Wasser schwimmen. Der andere Teil ist wetterfester und genießt die Fahrt vom Oberdeck aus. Hier werden die Gäste mit Sitzkissen, Decken, Regenschirmen, Milchkaffee und heißer Schokolade mit Rum versorgt.
Die meisten Mitfahrer sind in der Nähe des Finowkanals aufgewachsen. Sie verbinden mit dem Gewässer viele Erinnerungen. So auch Heidemarie Ewest: "Mein Großvater hatte einen kleinen Kahn. Wir sind oft zusammen auf dem Kanal gewesen." Deshalb freut sie sich über die heutige Fahrt, deren Strecke sie sonst über Land zurücklegt: "Ich fahre regelmäßig von Eberswalde aus den Treidelweg entlang bis zum Schiffshebewerk. Dort fotografiere ich die Baufortschritte." Auch Elvira und Manfred Pfaff unternehmen hier häufig Fahrradtouren und wollten sich die seltene Gelegenheit nicht entgehen lassen.
Doch so idyllisch wie am Donnerstag war es am Finowkanal lange nicht. In der DDR leitete die in der Nähe gelegene Industrie wie die Chemische und die Papierfabrik ihre verseuchten Abwasser in den Kanal. Wolfgang Kurth erinnert sich: "Die Fische waren vergiftet und schwammen wie Laub auf dem Wasser." Bis heute sind noch nicht alle Altlasten beseitigt.
Die MS Stadt Oderberg fährt in die Alte Stecherschleuse ein. Der Wärter kurbelt das Einfahrtstor zu und lässt Wasser ins Becken strömen, bis das Schiff sich auf der Höhe des anschließend zu befahrenden Abschnitts befindet. "Die 1877 errichtete Schleuse ist besonders marode. Durch den hohen Grundwasserstand drückt das Erdreich gegen die Wände und die Schleusenkammer ist einsturzgefährdet", so Ginnow-Merkert. Er hofft, dass der Kanal eines Tages restauriert wird. Ehepaar Pfaff findet, es müsste mehr Werbung für die Wasserstraße gemacht werden. "Die nächsten Bootsfahrten sind bereits in Planung", sagt Thomas Winkler vom Eberswalder Reisebüro.