Der Generalbebauungsplan von 1948, so steht es in akkurat aufgetragenen Großbuchstaben an seinem unteren Rand, ist eine „Vogelschau auf Eberswalde vom Turm der Pfarrkirche St. Maria-Magdalena nach Norden“. Die verblichene Buntstiftzeichnung auf Karton ist ein Füllhorn für jeden, der sich für die Historie der Barnimer Kreisstadt interessiert. Und erinnert jeden, dessen Augen nicht mehr gut genug sind, um die feinen Striche wahrzunehmen, an des Kaisers neue Kleider. Wer den Turm am Rathaus, den Ostflügel am Museum oder manche andere Sehenswürdigkeit erkennen will, braucht einen scharfen Blick. Im Märchen mag der Kaiser nackt sein, aber der Generalbebauungsplan ist keineswegs leer.

Autor des Plans mit bewegter Biographie

Der Unternehmer und Stadtverordnete Dietmar Ortel, selbst engagiertes Mitglied im Verein für Heimatkunde zu Eberswalde, hat die historische Zeichnung gemeinsam mit dem Vereinsvorsitzenden Martin Hoeck an Museumsleiterin Birgit Klitzke übergeben. „Das Museum ist der beste und schönste Ort, um den Generalbebauungsplan zu bewahren und in gleichzeitig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, betonte der Überbringer des Zeitdokumentes, das selbst eine spannende Geschichte hat. Die Zeichnung stammt laut einigermaßen gut lesbarer Signatur von Hans Freese, der 1889 in Oldenburg geboren wurde und 1953 in Berlin starb. Der Architekt und Hochschullehrer, der 1943 vom Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt mit dem Bau des Zwangsarbeiterlagers 75/76 in Berlin-Niederschöneweida beauftragt worden war, hat nach dem Zweiten Weltkrieg für mehrere zerbombte Städte Wiederaufbaupläne gezeichnet. Auch das Zentrum von Eberswalde war 1945 dem Erdboden gleich gemacht worden und lag in Schutt und Trümmern.

Karte aus dem Sperrmüll geholt

Wie Dietmar Ortel an die arg ausgeblichene Kostbarkeit kam, ist kein Geheimnis, der Name des Finders indes schon. „Ein Bürger, der anonym bleiben will, hatte die Karte irgendwann im Sperrmüll gefunden und so lange aufgehoben, bis er den Zeitpunkt für geeignet hielt, sie für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen“, sagte der Kommunalpolitiker und Hobby-Historiker. Der Augenblick sei gekommen, betonte er. Das Interesse der Eberswalder an der Stadthistorie sei stärker denn je.
Verblichene Zukunftsversion: Die Bleistiftfarben auf dem 1948 erstellten Bebauungsplan für Eberswalde sind kaum noch zu erkennen.
Verblichene Zukunftsversion: Die Bleistiftfarben auf dem 1948 erstellten Bebauungsplan für Eberswalde sind kaum noch zu erkennen.
© Foto: Archiv Dietmar Ortel

Manche Vision ist wahr geworden

Das konnte auch Martin Hoeck bestätigen, der dem 107 Mitglieder zählenden Verein für Heimatkunde vorsteht, der sich zunehmend verjünge. Zu den interessantesten Details des Generalbebauungsplanes gehöre der Turm, der auf der Zeichnung das Rathaus ziere. „Zu diesem Anbau, für den das Barockhaus hätte abgerissen werden müssen, ist es nie gekommen“, sagte er. Auch bei der bevorstehenden Modernisierung des Verwaltungsstandortes Mitte werde auf einen Turmbau verzichtet, hob Martin Hoeck hervor, der zudem Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung in Eberswalde ist. Allerdings sei eine andere Vision von Hans Freese später wenigstens zum Teil wahr geworden – die vom bebauten Marktplatz. „Zwar sind nicht mitten auf dem Areal Wohn- und Geschäftshäuser entstanden. Dafür steht am Rand seit 2007 das Paul-Wunderlich-Haus und gibt Eberswalde sein Zentrum zurück“, betonte Martin Hoeck.

Pläne für Museumsanbau aktuell

Und Birgit Klitzke verriet, dass im Entwurf für das Museumskonzept 2030 erwogen werde, die Adler-Apotheke um einen Ostflügel zu erweitern. „Dort könnte perspektivisch auch die Kleine Galerie ihren neuen Platz finden“, sagte sie.
Das Interesse der Eberswalder am Museum begrüßt dessen Leiterin ausdrücklich. „Wir bauen unsere Sammlung gezielt auf und sind daher immer an spannenden Zeitdokumenten interessiert“, sagte sie. Der Generalbebauungsplan von 1948 passe wunderbar dazu. Bevor die Zeichnung öffentlich gezeigt werden könne, solle sie jedoch konservatorisch behandelt werden.

Auftrag an den Heimatverein

Weshalb die Wiederaufbau-Visionen von Hans Freese in Eberswalde nie umgesetzt wurden, sei unbekannt. „Wahrscheinlich gab es so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg andere Prioritäten und fehlte schlicht das Geld“, vermutete die Museumsleiterin. Die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Generalbebauungsplanes liege noch vollkommen im Dunkeln, ergänzte sie.
Natürlich werde Recherche notwendig sein, um die Provenienz des Dokumentes nachzeichnen zu können, sagte Martin Hoeck. Dies zu leisten, könne eine weitere Aufgabe für den Verein sein, dessen Satzungsziel es sei, zu bewahren, zu erforschen und zu popularisieren.