Es sind 178 Seiten. 178 Seiten, auf denen die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz (EKBO) erstmals ein Bildungskonzept zusammengefasst hat. Dass dieses gerade im Jahr des Reformationsjubiläums erscheine, sei Zufall, schreibt Bischof Markus Dröge in dem Vorwort der als "frei und mutig" betitelten Schrift. Kein Zufall sei allerdings, "dass die Kirchen der Reformation Bildung als eine zentrale Aufgabe kirchlichen Handelns begreifen", schreibt Dröge weiter. Denn Bildung habe bereits in den Schulschriften Martin Luthers und der Bildungspolitik Philipp Melanchthons eine zentrale Rolle gespielt.
Das Konzept, welches Oberkirchenrat Friedhelm Kraft, am Sonnabend zur Herbstsynode vorstellte, sei als Handlungsempfehlung für Bildungsangebote in der Evangelischen Kirchengemeinde zu begreifen, betonte Friedhelm Kraft.
Den Ort der Vorstellung hätte die Gemeinde kaum besser wählen können. Das Dietrich-Bonhoeffer-Haus im Brandenburgischen Viertel in Eberswalde, welches als Eltern-Kind-Zentrum, Bürgertreff und Anlaufpunkt für Familien und Senioren genutzt wird, sei keine zufällige Wahl, sagte Harro Semmler, Präses aus Zepernick, der die Synode seit mehr als zwei Jahren im Ehrenamt leitet und vorher als Direktor im Deutschen Bundestag tätig war. "Wir versuchen die Orte nach unseren Gegebenheiten schon so auszuwählen, dass sie thematisch passen." So sei es im vergangenen Jahr auch kein Zufall gewesen, die Synode zur Ländereienfrage auf einem ehemaligen LPD-Gelände in Buckow auszurichten.
Das Brandenburgische Viertel sei als sozialer Brennpunkt auch Teil der Bildungsarbeit, so Semmler, der mit den rund 60 anderen Kreiskirchenvertretern auch dem Schicksal des jüngst schwer misshandelten, zweieinhalbjährigen Mädchens aus dem Viertel gedachte.
Dass die Jugendarbeit in Bezug auf Bildungsansätze manchmal zu kurz kommt, dazu sprach der kreiskirchliche Jugendwart Heinrich Oehme, der seit 2010 die Jugendarbeit der Evangelischen Kirche in Eberswalde betreut. "Die Jugendlichen leiden heute oft unter sehr hohen schulischen und gesellschaftlichen Erwartungen", sagte Heinrich Oehme. "Der Druck auf die jungen Leute wächst." Heute seien für die Mädchen und Jungen Arbeitslosigkeit, Konkurrenzkampf oder soziale Unsicherheit so präsente Themen, dass sie nur noch selten ihre, für Jugendliche typische, Selbstfindungsphase ausleben können, so der Kreisjugendwart. Oft sei von Zeitnot, Stress und Verdichtung die Rede. Der Alltag gestalte sich meist schwieriger, obwohl oder gerade weil der für die Jugendlichen gestaltbare Raum überfordernd wirke.
"In der Schule werden, überspitzt gesagt, Arbeitnehmer sortiert", so Oehme. Deshalb sei gerade die Kirche als Raum gefragt, Jugendliche in dieser empfundenen Drucksituation aufzufangen. Gerade die Jugendarbeit, etwa der Konfirmandenunterricht, Evangelische Träger von Kitas oder Chöre, führen ein "Schattendasein", so Oehme.
Das neu erstellte Bildungskonzept greift die Punkte Schule und Jugend als Verantwortungsbereich der Evangelischen Kirche auf. Ob im Religionsunterricht oder im Jugendklub, in dem Mädchen und Jungen am Nachmittag zusammenkommen, in beiden Punkten müsse die Gemeinde herausfinden, mit welchen Angeboten sie den Entwicklungen begegnen kann. Im Bildungskonzept werden dazu eine Bestandsaufnahme und Handlungsanregungen gegeben, Projekte vorgestellt und Kritik geäußert, sagte Friedhelm Kraft.
Der Kirchenkreis vertritt im Barnim etwa 20 000 evangelische Christen. Der Kreis besteht aus 17 Pfarrsprengeln mit 24 Pfarrerinnen und Pfarrern sowie etwa 20 weiteren Mitarbeitern.