Eine viertel Stunde ist die Klappe schon oben, ohne dass sich etwas tut. Xenia, die frischgebackene Löwenmutter, scheint allerdings zu ahnen, was nun kommen soll. Unruhe im Blick, schreitet sie auf den hohen Zaun am Gehege zu, dorthin, wo Zoochef Bernd Hensch und einige Tierparkmitarbeiter warten. Kameras werden gezückt. Auch eine Handvoll Besucher hat sich vorsichtshalber positioniert. Dann die ersten Ahs und Ohs. „Wie süß!“, sagt jemand. Endlich sind die beiden Raubkatzen-Mädchen zu sehen. Auf tapsigen Pfoten wagen sie sich ins Freie, rollen übereinander, beißen sich im Spiel, beschnuppern einen mit Wasser gefüllten Stein.

Eberswalder Löwen haben helles Fell wie der Vater

Sechs Wochen sind sie bereits alt, die Löwenzwillinge. Seit ihrer Geburt am 14. Juli haben Hensch und sein Team die Neuigkeit für sich behalten. „Wir wollten sicher sein, dass alles in Ordnung ist und warten, bis sie richtig laufen können und nicht mehr so tapsig sind“, sagt der Zoodirektor. Seit 2009 Xenia, ebenfalls im Eberswalder Zoo, zur Welt kam, seien in ganz Brandenburg erstmals wieder Löwen geboren worden. Smart, der dreieinhalbjährige Vater der niedlichen Zwillingsschwestern, kam aus Magdeburg in die Waldstadt.
Theoretisch hätten die beiden Löwendamen, neben Xenia ihre drei Jahre ältere Mutter Kismet, schon im vergangenen Jahr Kinder des weißen Löwen austragen können. Erfolgreich waren die Paarungsversuche nun in diesem Frühjahr. Um die 110 Tage dauert die Tragzeit an.

Geburt der Löwenzwillinge war ein Schreck

„Für uns war die Geburt ein ganz schöner Schreck“, erzählt Bernd Hensch. Überraschenderweise habe Xenia nicht auf dem vorbereiteten Lager im Löwenhaus, sondern unter freiem Himmel geworfen, unter einem Busch in der großen Anlage – und das bei starkem Besucherandrang mitten in den Ferien. „Die Besucher haben davon aber gar nichts mitbekommen. Wir haben Planken an den Gittern befestigt, um ihr ein bisschen Ruhe zu geben“, berichtet Hensch weiter.
Selbst Raubtierpfleger Uwe Fanke kam an die junge Löwenfamilie nicht so nah heran, dass gleich bekannt war, wie viele Junge am Leben waren. Eine ganze Woche sei die Löwin mit dem Nachwuchs unter dem Busch geblieben. Schließlich zog sie um. „Aber nicht rein, wie wir das wollten, um sie unter Kontrolle zu haben“, sagt der Zoochef. Für die Tierpflegecrew blieb es spannend. Erst nach zwei Wochen nahm das Trio seinen neuen Wohnsitz im Haus. So lange hatte die Löwenmama auch nicht gefressen, sich ausschließlich um ihre Jungen gekümmert.

Löwe Smart zeigt zunächst wenig Interesse

„Es ist alles optimal gelaufen, die Jungen sehen sehr gut aus“, kann Hensch inzwischen sagen. „Xenia ist eine richtig tolle Mutter“, lobt er. Mit etwa einem Kilogramm seien die Tierbabys vermutlich zur Welt gekommen. Inzwischen dürften sie drei oder sogar dreieinhalb Kilogramm auf die Waage bringen.
Im Alter von drei Wochen hätten sie ihre ersten Schritte gemacht und zunächst im Löwenhaus alles abgeschnüffelt. In dieser Woche seien die Jungtiere erstmals mit dem Rest der Verwandtschaft zusammengebracht worden. Smart, dessen helles Fell die Töchter geerbt zu haben scheinen, habe das zunächst gar nicht interessiert – anders als Löwengroßmutter Kismet.

Löwenbabys im Zoo Eberswalde leben nicht mehr

Am Mittwoch aber schleicht der große Löwe in stolzer Haltung von Zeit zu Zeit um seine kleine Familie. Und die Löwenbabys erkunden Stück für Stück ihr Gehege. Tierpfleger Fanke, der seit 1986 im Zoo arbeitet und bereits Kismet mit der Hand aufgezogen hat, glaubt, dass sie vor dem Abend nicht zurück ins Haus wollen. „Ich freue mich aber, dass sie endlich raus dürfen“, sagt er. „Sie haben ja schon gezeigt, dass sie einen großen Bewegungsdrang haben.“
Etwa ein Jahr werden die Löwenschwestern nun im Eberswalder Zoo verbringen. Danach gibt Bernd Hensch sie ab an einen anderen Zoo. Vermittelt wird europaweit. „Für ein Löwenmädchen haben wir schon eine Anfrage aus Österreich.“
Update: Die Freude im Zoo Eberswalde währte nur kurz. Die Löwenbabys leben nicht mehr.