Die enttäuschten Blicke der Leute nagten an Josefines Ehre. Schließlich versorgten die Kannengießers schon seit Generationen die Leute in der Gegend mit knackigen Weihnachtsäpfeln. Die Tanne in der Mitte des Dreiseitenhofes wurde stets zum Weihnachtsfest mit Nüssen, Strohsternen und roten Äpfeln geschmückt. In Ermangelung von echten hatte die junge Landfrau Deko-Äpfel via Internet geordert.
Was für eine Schande, dachte sie währenddessen. Der Urgroßvater würde sich im Grabe umdrehen. Der Sturm rüttelte arg an dem alten Fachwerkhaus. Die Frau trat ans Fenster und lauschte ihm nach. Es war ihr, als fegte der Wind ihre Gedanken in eine Zeit, als ihre Urgroßeltern lebten.
Dunkel erinnerte sie sich, dass ihr Urgroßvater immer im Spätherbst von einem geheimen Ort im Wald tiefrote, spritzig-süße Äpfel holte. Die lagerte der alte Köhler sorgsam ein und polierte am Weihnachtsabend die schönsten für den großen Weihnachtsteller der Familie. Alle Jahre ging das so, bis der Alte verstarb. Der Weihnachtsapfelbaum im Wald geriet in Vergessenheit. Schließlich wusste ja niemand so genau, wo er stand. Das war auch nicht weiter schlimm, da die Familie inzwischen einen großen Apfelhain geschaffen hatte. Aber keiner dieser Äpfel hatte dieses feine Weihnachtsaroma, wie jene, die der Urgroßvater verschenkte.
Was das nur für eine Sorte war? Josefine suchte nach dem alten Familientagebuch ihrer Großmutter und blätterte darin. Ziemlich weit hinten waren zwischen den handgeschriebenen Zeilen kleine quadratische schwarz-weiße Fotos geklebt. Auf einem dieser Bilder entdeckte sie sich selbst als Fünfjährige neben ihrem schon sehr, sehr alten Urgroßvater. Sie standen vor einem mächtigen Apfelbaum. Im Hintergrund rauchte ein Kohlenmeiler. Darunter stand: "Der letzte Brand."
Das musste doch der Standort des alten Baumes sein und sie war sogar schon einmal dort. Irgendetwas trieb die Frau an, diese Lichtung im Wald zu suchen. Am nächsten Morgen brach sie auf. Mit dem Kleintransporter fuhr sie bis zum Wuckerweg tief in der Schorfheide. Eine Kiepe auf dem Rücken stapfte sie los. Auf dem Foto im Familientagebuch war unten links im Grauschleier ein Jagenstein erkennbar, der eine verwitterte Nummer trug. Josefine entzifferte die Zahl als 230. Diese Markierung könnte sie bei ihrer Suche leiten.
Bei dem Jagen 228 war sie schon angelangt. Sie pirschte sich weiter und weiter in Richtung Süden. In der Stille der Waldluft fühlte sich die Frau frei und stark. Es dämmerte schon, als sie bei ein paar alten Fichten, rechts beim Weg, einen großen Findling erblickte, auf dem "Märchenwald" geschrieben stand. Josefine dachte bei sich, das passt zu diesem verwunschen-schönen Ort und ihrer Absicht.
Kaum später gelangte sie auf einen schmalen Wildacker und entdeckte im Waldsaum ein rotes Leuchten.
Die Augen der Frau strahlten: Geschützt vor Wind und Wetter stand dort der mächtige Urgroßvaterbaum - voll behängt mit prächtigen Winteräpfeln. Tagelang machte sich nun Josefine zu dem Baum im Wald auf und erntete die wundervollen Früchte.
Und weil sie nicht dahinterkam, wie diese alte Apfelsorte hieß, schrieb sie einfach auf ihr Angebotsschild am Hofladen: "Köhlers Märchenapfel - perfekt zum Weihnachtsfest".
* Petra Elsner, Verfasserin dieser Geschichte, lebt als Malerin und Autorin in Kurtschlag, OT von Zehdenick, in der Schorfheide.