Wie zahlreiche andere Kunden der Sparkasse Barnim beklagt sie die Kündigung von Prämiensparverträgen durch das Geldinstitut.
Als Sohn und Tochter, heute Mitte 30, noch klein waren, hatte die Eberswalderin zu deren Altersvorsorge die Kindersparbücher in die damals viel beworbenen Verträge umwandeln lassen. Das schien lukrativ. Zwar legte sich die Familie 1997 auf einen verhältnismäßig kleinen Betrag von damals 50 D-Mark fest, die sie pro Kind monatlich einzahlte. Doch die Prämien, die das Geld-institut obendrauf gab, steigerten sich von Jahr zu Jahr erheblich. Angefangen mit drei Prozent des jährlich eingezahlten Betrages über zehn Prozent etwa im siebten Jahr, ließen sich ab dem 15. Sparjahr 50 Prozent erzielen. "Und diese 50 Prozent taten der Sparkasse vermutlich weh", sagt Heidrun Urban.
Harald Gräfe, Jurist und Berater in der Eberswalder Filiale der Verbraucherzentrale Brandenburg, kann das nur bestätigen. In der Beratungsstelle hätten sich zahlreiche Betroffene gemeldet, deren Prämiensparverträge die Sparkasse Barnim am 24. Februar gekündigt hatte. "Es war das Produkt, das alle Sparkassen bundesweit angeboten haben", sagt Gräfe. "Sparer mit diesen hohen Prämien sind jetzt natürlich ein Dorn im Auge." Massenweise werden die attraktiven Wertanlagen durch die Sparkassen gekündigt. "In Brandenburg ging das mit Märkisch-Oderland 2018 los", so Gräfe. Die Sparkasse Barnim sei die sechste im Land. Inzwischen sei mit der Sparkasse Prignitz sogar eine siebte Bank hinzugekommen, die auf der Kündigungswelle mitschwimmt.
"Die Sparkassen begründen die Kündigungen mit der Niedrig-zinsphase und mit dem Urteil des Bundesgerichtshofes vom Mai 2019", sagt Harald Gräfe. Das höchstrichterliche Urteil erklärt die Kündigung unbefristeter Verträge mit Erreichen der höchsten Prämienstufe für zulässig. "Die Sparkassen haben aber auch die befristeten Verträge gekündigt", so der Berater. Deshalb gelte es genau zu gucken, was drin steht. Die meisten Verträge liefen zwar über 15 Jahre, es gebe aber auch Staffelungen über 25 Jahre – und da wäre bei vielen die maximale Prämienstufe noch nicht erreicht. "Prüfen lassen, nachfragen, gegebenenfalls Widerspruch einlegen", empfiehlt Gräfe. Auf den Internetseiten der Verbraucherzentrale seien dafür Musterbriefe zu finden. Widersprüche sind bis zum Ablauf der Kündigungsfrist am 31. Mai möglich.
Der Verbraucherberater macht zudem auf einen zweiten Aspekt aufmerksam: die variablen Zinsen, die es neben den Prämien gibt. Höchstrichterliche Urteile geben vor, wie sie zu bemessen sind. Die Sparkassen hätten sich daran aber nicht gehalten. Nun bietet die Verbraucherzentrale die Nachberechnung an. "Bei allen Fällen, die wir bisher geprüft haben, gab es Differenzen", so Gräfe. In jedem Fall hätten sie über den Gebühren für das Gutachten gelegen, für das 85 Euro fällig wird. Im Durchschnitt lägen die Abweichungen bei 4000 Euro. Das Ergebnis mit der größten Differenz bei der Sparkasse Barnim seien sogar mehr als 37 000 Euro. Die Differenzbeträge könnten nachgefordert werden.
Musterbriefe online
Heidrun Urban hat Gräfe eigentlich aus einem anderen Grund aufgesucht. Sie hatte bei der Sparkasse Barnim die Geschäftsbedingungen des Jahres, in dem sie die Prämiensparverträge abgeschlossen hatte, angefragt. Weil inzwischen ihr Sohn Vertragsinhaber ist, habe die Bank ihr dieses Papier jedoch verweigert. "Dabei müsste doch eigentlich jeder die Bedingungen einsehen können", empört sie sich. Inzwischen lässt auch sie nun die Zinsen über all die Jahre seit 1997 nachberechnen. "Eigentlich ist es ein Unding, dass so ein Vertrag einseitig gekündigt werden kann", findet sie.
Die Sparkasse Barnim hat eigenen Angaben nach 1600 unbefristete Prämiensparverträge zum 31. Mai gekündigt.