Dem Kranichzug wird eine ganze "Woche des Kranichs" gewidmet. Viele Gäste kommen in den Nationalpark Unteres Odertal, um das Ereignis mit eigenen Augen zu verfolgen. Für sie ist es ein beeindruckendes Erlebnis, die langen Ketten der in die Schlafgewässer einfallenden Kraniche zu verfolgen, die Rufe der erwachsenen Kraniche und die hohen, piependen Stimmen der diesjährigen Jungen zu hören.
Aber was bedeutet es eigentlich für die Vögel? Die jährliche Wanderung vom Sommer- ins Winterquartier und im Frühjahr wieder zurück ist eine harte und unbarmherzige Prüfung für alle Vögel, die sich ihr unterziehen müssen. Es ist keine freiwillige Leistung, die sie erbringen. Wie alle Lebewesen brauchen Vögel ausreichende Nahrung und einen sicheren Platz in der Nacht zu ihrem Gedeihen. Der heranziehende Winter vertreibt sie aus ihren Sommerquartieren und zwingt sie gen Süden, wo beides dann zu finden ist, wenn im nördlicheren Europa Eis und Schnee den Zugang zu Nahrung verwehren.
Der Weg ist lang und gefährlich für die Tiere. Wenn sie aufbrechen aus ihren Sommergebieten in Skandinavien und Nordosteuropa, wissen sie nicht, was sie erwartet. Sie nutzen günstige Hochdruckwetterlagen und guten Wind, um die traditionellen Zwischenrastgebiete zu erreichen.
An die 300000 Kraniche ziehen auf der westeuropäischen Zugroute entlang. Sie widerstehen Regengüssen, starken Winden, plötzlichen Kälteeinbrüchen mit Schneefall und ausgedehntem Nebel. Doch nicht alle schaffen das. Der Zug ist das Nadelöhr, welches nur die gesunden, kräftigen Vögel passieren können. Geschwächte, kranke Kraniche bleiben zurück, werden von Fuchs und Seeadler "aussortiert". Für die Jungvögel jeden Jahrgangs ist es schwer, mitzuhalten mit dem großen Trupp. Bis zur Hälfte der Jungen überlebt das erste Jahr nicht. Für die Art ist das jedoch keine Bedrohung, nach wie vor steigt die Zahl Grauer Kraniche in Europa an.
Die Ursachen für diese Tendenz ist die Art unserer Landnutzung. Gänsen und Kranichen wird ein "reich gedeckter Tisch" geboten, wenn sie eine Pause auf ihrer Reise einlegen. Vor allem auf abgeernteten Maisfeldern, die eine magische Anziehungskraft auf die Vögel ausüben. Mais ist ein guter Energiespender, allem andern weit überlegen. Deshalb sind die größten Kranichtrupps auf solchen Flächen zu beobachten, sehr oft in Gemeinschaft mit Saat- und Bless- wie auch Graugänsen. Die Tiere dürfen nicht gestört und zum Abfliegen genötigt werden. Sie könnten beim nächsten Stopp auf der frischen Saat der Bauern landen. Kraniche werden die Vögel des Glücks genannt. Sie erfreuen sich landauf, landab großer Beliebtheit. Die Besucherzahlen auf der Kranichwoche legen dafür Zeugnis ab.
Wer es gut mit ihnen meint, der respektiert ihre Grundbedürfnisse: ungestörte Nahrungsaufnahme und störungsfreie Schlafplätze. Ohnehin gibt es für die Vögel genügend Störungen in der Nacht, es herrscht nie Ruhe dort, Schwarzwild stört die Vögel auf, und schon morgens patrouilliert der Seeadler über den Kranichen, hält Ausschau. Am Tage reagieren Kraniche sensibel auf Annäherung. Sie fliegen auf und suchen eine einsamere Ecke. Wer Kraniche beobachten will, ohne zu stören, ist gut beraten, im Auto sitzen zu bleiben, und mit Fernglas von ferne zu genießen.