Kay Reichelt, der Stürmer vom Barnim-Meister Lichterfelde, genoss den Moment sichtlich. Er hatte gerade ein Tor gemacht, und das war nicht irgendeins. Er hatte Michael Schulz, einen Ex-Profi, stehen lassen, und auch Jörg Heinrich, ebenfalls Ex-Profi, kam nicht mehr hinterher, und so hatte Reichelt freie Bahn. Der Pass von Christian Kuhn kam passgenau. Drin!
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"Das ist super gelaufen", freute sich Kay Reichelt nach der Partie mit einem Bier in der Hand. Und er war nicht der Einzige, der an diesem Tag strahlte.
Der SV Lichterfelde hat sich am Sonnabend zum 55. Vereinsgeburtstag mit dem Besuch von Uwe Seelers Traditionself ein Geschenk der besonderen Art gemacht. 900 Zuschauer kamen auf den Sportplatz. Es gab tolle Tore, tolle Paraden und tolle Geschichten.
Zum Beispiel die von Torwart Olaf Pospieszny, der gleich mehrfach Szenenapplaus bekam für seine starken Rettungstaten gegen die Fußball-Promis. Flachschuss Dariusz Wosz - Lichterfeldes Keeper hält. Drehschuss Fatmir Vata - Pospieszny ist wieder da. "Wenn du gegen solche Spieler einen guten Job machst, ist man da schon ein bisschen stolz drauf", gab der Keeper zu.
Drei Spiele hat die Traditionself in Lichterfelde bestritten. Jeweils für 30 Minuten ging es zuerst gegen die erste Mannschaft des SV Lichterfelde, dann gegen die zweite, zum Schluss waren die Alten Herren dran. Gleich zu Beginn gab es ein freundschaftliches Teamfoto aller Spieler. "Eine tolle Erinnerung", sagte Igor Spulsky, Verteidiger des zweiten Teams.
Wer aber geglaubt hat, die Stars wären nur für einen lauen Sommer-Kick in den Barnim gekommen und hätten ihren Ehrgeiz zuhause gelassen, der lag falsch. Vor allem im Auftaktspiel gegen den Barnim-Meister, das 1:1 endete, ging es auf dem Feld hoch her. Bei einer knappen Abseitsentscheidung etwa wütete Peter Peschel, früher Sturmgröße beim VfL Bochum, in Richtung Linienrichter: "Nie im Leben", und fuchtelte wild mit dem Finger. Auch Jörg Heinrich, Champions-League-Sieger mit Borussia Dortmund und heute Trainer des Landesklasse-Teams von BSC Rathenow, ging hart in die Zweikämpfe und diskutierte mehrfach mit dem jungen Schiedsrichter Stephan Stahn (28) vom Gastgeberklub. Stahn nach dem Spiel: "Die haben schon versucht, ihr Ding durchzuziehen, aber die Atmosphäre war immer sachlich und locker."
Getroffen hat die Seeler-Elf im Auftaktspiel selbst nicht. Die Führung besorgte nach Ecke von Wosz Lichterfeldes Verteidiger Steven Jelonek (8.) per Eigentor. Trotz Rückstand griffen die Lichterfelder weiter unbeirrt an. Und kamen nur vier Minuten später durch ihren Goalgetter Reichelt, mit 20 Toren fünftbester Torschütze der abgelaufenen Barnimliga-Saison, zum Ausgleich. Kurz vor Schluss hatte Nachwuchsmann Tobias Glinga sogar noch die Riesenchance zum Sieg, doch sein Schuss tropfte an die Latte.
Ex-Profi Jörg Heinrich gab nach der Partie zu: "Die Lichterfelder haben eine schnelle und athletische Mannschaft, aber wir hatten genug Chancen auf den Sieg." Seit 1974 gibt es die Traditionself von Uwe Seeler nun schon, und in über 700 Spielen ist es erst 18 Teams gelungen, sie zu schlagen. "Ex-Profis sind ehrgeizig, die wollen nicht verlieren", sagte Heinrich, "und ich kann sagen: Mit mir hat die Truppe noch keins verloren."
Eine nette Randnotiz gab es noch: Etwa zur Hälfte des ersten Spiels ging plötzlich einer der Rasensprenger im Lichterfelder Stadion wie von Geisterhand an. Die Spieler nahmen es mit Humor: Verteidiger Steffen Herzberger, in den 1990er-Jahren eine feste Größe im Kader von Zweitligist Mainz 05, nutzte den Sprenger für eine Abkühlung.
Im Spiel gegen die zweite Lichterfelder Mannschaft hatte Frank Mill, WM-Sieger von 1990, seinen Auftritt. Er erzielte drei Tore, aber nur eins zählte. Zweimal hieß es: abseits! Dennoch gewann die Traditionself mit 3:0.
Gegen die Alten Herren klingelte es dann erwartungsgemäß am häufigsten im Kasten. Lichterfeldes Keeper Peter Mücke, der auch einige starken Paraden zeigte, musste gleich achtmal hinter sich greifen. "Die stehen alle noch ziemlich im Saft", so der Keeper über seine prominenten Gegner. Besonders beeindruckt war er von der Fitness von Schalke-Legende Klaus Fischer, mit 64 Jahren der Grandseigneur der Traditionself, dem vier Treffer gelangen. "Es hat Spaß gemacht", meinte Fischer nach der Partie, als er umringt von Kindern Autogramme schrieb.
Nicht vergessen werden sollte der Ehrentreffer von Lichterfeldes Alten Herren durch Uwe Schramm zum 2:12. Bei der Frage, ob das Endergebnis am Ende vielleicht etwas zu hoch ausgefallen sei, winkt Schramm ab: "Nee, nee, gegen so eine Truppe war das nicht schlecht".