Mehr als 100 000 Deutsche nutzten die Gelegenheit in den folgenden Jahren. Sie verließen ihre Heimat für immer, gründeten deutsche Siedlungen und bauten sich eine neue Existenz auf. Viele von ihnen brachten es rasch zu einigem Wohlstand. Doch ihnen sollte letztlich wenig Glück beschieden sein. Nach einer rund 100 Jahre währenden Blütezeit wurden ihre Privilegien nach dem verlorenen Krimkrieg ab 1856 abgeschafft. Es folgten zunehmende Drangsalierungen während der bolschewistischen Herrschaft. Viele litten schwer unter der Verfolgung der Kulaken, der russischen Kleinbauern, und unter den Zwangskollektivierungen. Nach dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 schließlich erreichten die Verfolgungen einen Gipfel: Allein 444 115 Wolgadeutsche wurden nach Kasachstan und Sibirien deportiert.
Die Wirrungen um das Schicksal der Russlanddeutschen werden derzeit im Paul-Wunderlich-Haus von einer Wanderausstellung dokumentiert, welche die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland mit Unterstützung des Bundesinnenministeriums organisiert hat. Die Ausstellung mit dem Titel "Volk auf dem Weg", bestehend aus Schautafeln mit informativen Texten und viel Bildmaterial, ist in insgesamt 60 Städten zu sehen. Am Dienstagabend wurde sie in Eberswalde feierlich eröffnet.
Um Akzeptanz für die Russlanddeutschen werben - das ist Anliegen der in Stuttgart ansässigen Landsmannschaft auch über die Ausstellung hinaus. Die beiden Projektleiter der Ausstellung, Jakob Fischer und Josef Schleicher, besuchen in diesem Jahr rund 200 Schulen. Dabei geht es ihnen vor allem darum, bestehende Vorurteile über die Aussiedler zu entkräften. Ihre Arbeitslosenquote ist, gemessen am Bundesdurchschnitt, eher gering. Ihr überwiegend junges Alter und ihr Kinderreichtum tragen dazu bei, dass überdurchschnittlich viele Russlanddeutsche in die Rentenkassen einzahlen, während hier derzeit umgekehrt nur jeder fünfte Aussiedler einen Anspruch auf Rente hat. Auch das beliebte Bild von den kriminellen, Drogen konsumierenden Aussiedlern ist ein Märchen, das von den Statistiken widerlegt wird.
Nicht zuletzt ist eine ungeheuer reiche Kultur aus den verwickelten Lebensumständen der Russlanddeutschen entstanden, die Einflüsse sowohl aus der deutschen als auch aus der russischen - oder eben kasachischen oder ukrainischen - Sphäre zu etwas Eigenem verwebt. Das Andenken an ihr Leben in der Diaspora pflegen viele nach wie vor. Davon konnten sich Besucher der Eröffnungsveranstaltung überzeugen, als zwei Gesangsensembles von Russlanddeutschen in der Tracht ihrer alten Heimat einige Kostproben aus ihrem Oeuvre darboten: die Chöre "Iwuschka" aus dem Brandenburgischen Viertel und "Kalinka" aus Bernau.
Die Ausstellung kann noch bis zum 15. Juli im Paul-Wunderlich-Haus besucht werden.