Der Verfall, der Niedergang sind offensichtlich: abgerissene Platten, entsorgte Infrastruktur, eine Oberschule, eine Kaufhalle, die nicht mehr sind, kein Kinderarzt, Händler, die sich zurückziehen. Und vor allem der Wohnungsleerstand. Beinahe jede fünfte Wohnung ist verwaist. Und dann der Potsdamer Platz, das Zentrum des Viertels, der mit herumlungernden Bewohnern das Negativ-Image manifestiert.
Auf der anderen Seite Aufbruch - beispielsweise die kleine Oase "bunt statt grau", eine Wiese, die das Eltern-Kind-Zentrum, die Stiftung Waldwelten und städtische Wohnungsgesellschaft WHG gemeinsam vor der Kita "Arche Noah" angelegt haben - auf einer ehemaligen Brachfläche. Oder das Dietrich-Bonhoeffer-Haus mit seinen zahlreichen Angeboten vor allem für Familien. Oder die Vereinshäuser "Freizeitschiff" und Havellandstraße 15. Dort, in der H 15, hat beispielsweise der Verein "Hebewerk" eine Heimstatt gefunden. Ein BioLab, ein ComputerLab, eine Nähwerkstatt sind entstanden. HNE-Studentin Theresa Jensch (21) ist gerade dabei, in Handarbeit aus Holz den Prototyp eines Saxophons zu fertigen. Nebenan läuft der 3D-Drucker. H 15 - ein Ort der Innovation und der Kreativität.
Das Brandenburgische Viertel, es ist ein Quartier voller Gegensätze. Carsten Zinn, Stadtverordneter und von 2008 bis 2014 Ortsvorsteher für den Kiez, ist dort seit 1987 zuhause. "Das Viertel hat schon ein gewisses Flair", sagt er. Zu den Stärken gehören seiner Auffassung nach der grüne Charakter, die zahlreichen Spielmöglichkeiten und die gute Erreichbarkeit mit dem Fahrrad. "Und es ist authentisch. Im Positiven wie im Negativen." Die Bürger, so sagt Zinn, kämen auf ihn zu. Direkt und ungeschminkt sagen sie ihre Meinung.
Als das größte Problem sieht der Stadtverordnete die Konzentration sozial Schwacher an. Was vielfach mit den vergleichsweise niedrigen Mieten zu tun habe, gleichzeitig aber eben auch gravierende Folgen habe. Jeder fünfte Erwerbsfähige im Viertel hat keinen Job, jeder zweite Bewohner gilt als armutsbedroht. 800 der insgesamt etwa 1400 in Eberswalde lebenden Flüchtlinge wurden im Brandenburgischen Viertel untergebracht. Sozialer Zündstoff. Ebenso aus polizeilicher Sicht ein "Brennpunkt", wie Barnims Inspektionsleiter Jens Starigk jüngst bestätigte. Weshalb Zinn fordert: Das Programm "Soziale Stadt", es müsse fortgesetzt werden. Und: "Wir brauchen nicht nur Investitionen in Beton, wir müssen auch in Köpfe und Personal investieren."
Mit Blick auf die Entwicklung und die aktuelle Situation hat im Eberswalder Rathaus offensichtlich ein Umdenken eingesetzt. Baudezernentin Anne Fellner spricht selbst von einem "Strategiewechsel". Nach dem Wohnungsrückbau im großen Stil ginge es jetzt um "eine nachhaltige soziale Stabilisierung und Entwicklung". Zu den Schwerpunkten dabei gehören etwa die Schaffung "vielfältiger Wohnungsqualitäten" (zum Beispiel altersgerechter Wohnungen), die Gestaltung der Stadtteileingänge, die Stärkung des sozialen Zusammenhalts sowie die Sicherung der Nah-Versorgung. Vor allem im Bereich Medizin und Einzelhandel. Gerade werde das Stadtteilkonzept überarbeitet bzw. fortgeschrieben. Im September, auf dem Bürgerforum, will die Rathausspitze mit den Bewohnern des Quartiers darüber ins Gespräch kommen.
Akuten Handlungsbedarf sehen Politik wie auch Verwaltung in puncto Kita-Plätze. Die Kapazitäten reichen nicht. "Eltern-Kind-Gruppen können nur eine Notlösung oder ein ergänzendes Angebot sein", sagt Carsten Zinn. Es brauche mehr reguläre Angebote. Und zwar schnell. Wie die geschaffen werden, dazu gibt es (noch) keine offiziellen Aussagen. Auch die Grundschule "Schwärzesee" ist am Limit. Personell wie räumlich.
Vermieter, wie die Genossenschaft WBG, denken derweil darüber nach, wie sie den Leerstand abbauen. Vom punktuellen Abriss bis zur Komplettsanierung, der Vorstand bezieht alle Optionen in die Überlegungen ein. Die größte Herausforderung liegt indes nach wie vor in der "sozialen Durchmischung".
Am 26. Juni startet eine Bewohnerumfrage im Viertel - per Fragebogen. Bis 14. Juli können die Bürger so ihre Meinung äußern.