Für viele Mädchen ist dieser Tag die erste Gelegenheit, sich in so ein richtig schickes Kleid zu hüllen. Viele der Jungen lernen in diesem Zusammenhang, wie man eine Krawatte bindet - oder aber eine Fliege, die seit ein paar Jahren wieder salonfähig ist. Die Jugendweihe ist eine dieser ersten Etappen, die den Jugendlichen ihren Reifungsprozess bewusst macht. Die 14- bis 15-Jährigen gehören nun offiziell zu den Jugendlichen. Pausbacken und bartlose Gesichter zeigen aber deutlich: auf sie wartet noch ein ganzes Leben.
Chris Greunke, stellvertretender Vorsitzender des organisierenden Vereins "Freidenker Barnim", kommt deshalb auch nicht drumherum, in seiner Begrüßungsrede von einem "großen Tag" zu sprechen. Der Verein hat die Gestaltung der Jugendweihefeiern für Eberswalde vor etwa fünf Jahren übernommen und ist für das gesamte Rahmenprogramm verantwortlich.
Musik, die Emotionen erzeugt, darf da nicht fehlen. Die Jugendband "The Unicorns" der Neuen Musikschule Bernau schafft das durch gut gewählte Songs wie "Flashlights" von Popkünstlerin Jessie J während des Einzugs der Jugendlichen in den Saal. Frontfrau Laura Fellhauer (20) trägt die Gruppe mit ihrer enormen Stimme. Der gemeinsame Auftritt mit dem sechsfachen deutschen Meister im Stepptanz Tim Schröder zu "Empire State of Mind" heitert den Festakt zusätzlich auf.
Geduld, Vertrauen, Kraft - all diese Dinge werden mit der Zeit nötig, sagt Margitta Mächtig (Die Linke). Die Landtagsabgeordnete stellt in ihrer Festrede heraus, was auf der anderen Seite der "Schwelle zum Erwachsenwerden" auf die jungen Menschen wartet. "Geduld wird Ihnen das Leben noch oft abverlangen. Und ich bitte Sie, Geduld mit den eigenen Eltern zu haben", sagt sie. Kraft, sich aufzurappeln, wenn man einmal fällt, und Vertrauen. "Vor allem zu den Eltern - das sind die einzigen, die euch wirklich kompromisslos lieben", so Mächtig. Es seien schwierige Zeiten, in denen die Jugendlichen aufwachsen. Darum sei erst recht ein "messerscharfer Verstand" von Vorteil. Die Welt habe sich nach dem Festakt nicht gewandelt, aber ganz sicher das Gefühl zu ihr, betont die Politikerin.
Mit einem anderen Gefühl werden nun auch die meisten Eltern leben. Margitta Mächtig richtet das Wort an die Mütter, Väter und Großeltern: "Eben haben Sie noch Schnürsenkel zugebunden und am Bett sitzend das Fieber bekämpft. Sicher erinnern Sie sich auch an den Moment, als das erste Mal die Persönlichkeit des eigenen Kindes durchschien", beschreibt Margitta Mächtig. Heute liege das schon viele Jahre zurück.
"Uff dit große Mädchen", ruft eine Mutter ihrer Tochter nach dem Auszug aus dem Saal entgegen. Lob und "Uhh"-Rufe empfangen die Jugendlichen vor dem Haus. "Voll besonders", finden diesen Festakt die Freundinnen Julie Zelle, Michelle Barth, Megan Ledwig und Viktoria Grothe (alle 14 Jahre). Sie alle besuchen die Karl-Sellheim-Schule in Eberswalde. Selbstständiger wolle sie werden, sagt Michelle. Und Megan wolle sich vom Leben überraschen lassen.
Unbeschwerte Jugendliche erlebt Chris Greunke fast immer bei den Jugendfeiern. Denn die wenigsten Teenagern hätten bereits Pläne für die Zukunft. Der 23-Jährige ist bereits seit 2003 Mitglied des Vereins. Insgesamt 17 Jugendweihen richtet er in diesem Jahr im Barnim aus. Drei davon allein an diesem Sonnabend in Eberswalde, am kommenden Wochenende folgen weitere drei. 700 Jugendliche nehmen im Jahr 2017 daran teil, im nächsten Jahr rechnet er mit 900. "Wir merken, dass es immer mehr Zulauf gibt", sagt er.