Es gibt nicht wenige, die bei dem Verhältnis zwischen der lokalen Wirtschaft und dem Rathaus Eisenhüttenstadt von atmosphärischen Störungen sprechen. Nicht zuletzt die vergleichsweise geringe Teilnahme von Unternehmern aus der freien Wirtschaft beim Neujahrsempfang der Stadt ist wohl ein Beleg dafür. Aus Protest gegen Bürgermeisterin Dagmar Püschel (Linke) würden einige nach der Wahlniederlage von Rainer Werner (SPD) nicht erscheinen, hört man immer wieder. Stattdessen wurde 2010 mit dem Unternehmerball eine Gegenveranstaltung ins Leben gerufen. Schon bei der ersten Ausgabe war die Bürgermeisterin nicht eingeladen. Auch der zweite Ball lief ohne sie. Beim dritten sieht es nach MOZ-Informationen nicht anders aus.
Äußern wollen sich die Wenigsten zu dem Verhältnis zwischen der Bürgermeiserin und der Wirtschaft in der Öffentlichkeit. Auch Dagmar Püschel lehnt ein Gespräch mit der MOZ über das derzeitige Stimmungsbild ab. Zu den Ausnahmen gehört Rüdiger Kriebel (64), ehemaliger Geschäftsführer der Ferrostaal Maintenance GmbH. Er nennt die Differenzen zwischen der Rathausspitze und der Wirtschaft vor Ort "dramatisch". "Dagmar Püschel ist die Bürgermeisterin, von ihr müssten eigentlich alle Aktivitäten ausgehen", sagt er. Sie müsse häufiger in die Unternehmen gehen, signalisieren, dass sie Interesse hat - so wie ihr Vorgänger.
Dagmar Püschel hat nach ihrer Amtsübernahme lediglich eine offizielle Unternehmens-Tour gemacht. Dabei hieß es in ihrem Wahlprogramm unter dem Punkt "Förderung der Wirtschaft": "Gestaltungsmöglichkeiten sehe ich in der Erarbeitung und Umsetzung eines Konzepts zur Mittelstandsförderung im ständigen Dialog mit den Adressaten ..."
Kurz nach ihrer Wahl ist eine Dialogplattform jedoch eingeschlafen. Von 2004 bis 2010 gab es einen Unternehmerstammtisch, in dem Geschäftsführer mittelständischer Unternehmen und Mitarbeiter aus der Stadtverwaltung saßen. Kriebel hat ihn initiiert. Doch als die neue Bürgermeisterin im Amt war, sei eine Gegenbewegung entstanden. Während einigen Firmenchefs nach eigenen Angaben schon die Partei, zu der die Rathauschefin gehört, nicht passt, sagt Kriebel: Mit der Partei habe das nicht unbedingt etwas zu tun. Dagmar Püschel müsse jedoch erkennen, dass sie es allein nicht schaffe. "Sie bräuchte in wirtschaftlichen Fragen mehr kompetente Unterstützung." Schon aufgrund ihres beruflichen Hintergrundes sei sie nicht in der Lage, allein mit der Wirtschaft umzugehen, glaubt er. "Gucken Sie sich Frankfurt an, da haben sie den Martin Wilke geholt, der versteht was davon."
Wilke selbst war lange Zeit Chef des Investor Centers Ostbrandenburg, einer Projektgemeinschaft zur Förderung der Wirtschaft in Eisenhüttenstadt und Frankfurt (Oder). Jetzt leitet Markus Kappes dort die Geschäfte. Über die geplante Mittelkürzung im Zuge des Defizitabbaus in Eisenhüttenstadt sei er informiert, sagt er. Aber da das alles noch nicht beschlossen sei, möchte er sich dazu noch nicht äußern. Ansonsten sei der Kontakt zum Rathaus Eisenhüttenstadt sehr gut, sagt Kappes. "Wir arbeiten sehr intensiv zusammen und binden Frau Püschel bei Investorenbesuchen sehr gern mit ein."