Sie haben sich, wenn es die Terminpläne nicht anders zuließen, auf einem Autobahnparkplatz getroffen, um Dinge, die keinen Aufschub duldeten, zu besprechen. Karl Döring erzählt, dass er das Privileg hatte, wichtige Nachrichten per Kurier in den Briefkasten der Privatadresse von Manfred Stolpe stecken zu dürfen. "Es ist eine Verbundenheit entstanden", erklärt der ehemalige Ministerpräsident. Karl Döring, der Kombinatsdirektor und der Stahlmanager, wie er sich selbst im Untertitel seiner Autobiographie nennt, hätte sich keinen besseren Partner aussuchen können, um sein Buch "EKO. Stahl für die DDR - Stahl für die Welt" vorzustellen.
Manfred Stolpe erinnerte, wie schon Bürgermeisterin Dagmar Püschel zu Beginn der Veranstaltung an das 65-jährige Jubiläum von Stadt und Werk, aber auch an die 25 Jahre, die das Land Brandenburg als Teil des vereinigten Deutschlands wieder besteht. Zwei wichtige Bücher seien zu diesem Brandenburg-Jubiläum erschienen. Eines sei von Hans Otto Bräutigam, das andere eben von Karl Döring, so Stolpe. Wichtig, weil es die Wirtschafts- und Lebensgeschichte behandelt. "Das Buch ist dokumentierte Zeitgeschichte", sagte Stolpe im Saal der Stadtverordnetenversammlung im Rathaus, die bis auf den letzten Platz besetzt war. Der ehemalige Ministerpräsident geht sogar weiter: Es sei Pflichtlektüre, später wird er es ein Handbuch der ostdeutschen Wirtschaftsgeschichte nennen, weil Eisenhüttenstadt exemplarisch für viele andere Städte im Osten Deutschlands steht.
Wobei es eine streitbare Pflichtlektüre ist, was bei dem Gegenstand, der in weiten Teilen des Buches beschrieben wird, gar nicht weiter verwunderlich ist: Es geht um die Transformation des Eisenhüttenkombinats von der Plan- in die Marktwirtschaft. Karl Döring drückt es so aus: "Ich nehme für mich in Anspruch, korrekt über die Zeit berichtet zu haben. Aber es ist meine Sicht der Dinge." Manfred Stolpe, so sagt er es, schätzt an dem Buch, dass Karl Döring dort auch von Emotionen spricht, sowohl von Verbitterung, aber auch von Freude.
Der ehemalige Ministerpräsident gab einen Überblick über das Buch, in dem über die Zeit in der DDR geschrieben wird, die Zeit von Karl Döring im Ministerium und als Kombinatsdirektor in Eisenhüttenstadt und dann natürlich über die dramatischen Jahre auf dem Weg in die Privatisierung. "Ich kenne niemanden, der so genau und detailgetreu über den Transformationsprozess von der Plan- zur Marktwirtschaft geschrieben hat", erklärte Stolpe und fügte hinzu: "Es war ein Sturzflug, den man hätte vermeiden müssen." Ein Hauptakteur des damaligen Prozesses komme bei Karl Döring nicht gut weg: "Ihr Urteil über die Treuhandanstalt ist vernichtend", so der Ex-Landeschef.
Karl Döring, der viele Passagen in seinem Buch markiert hatte, die er vortragen wollte, entschied sich schließlich für die Jahre nach 1990. Die Zeit des Kampfes und des Bangens findet schließlich am 10. Dezember 1994 im Sitzungssaal der Stadtverordneten - so wird der Bogen zu der Lesung am Montagabend geschlagen - ein gutes Ende. Im Beisein des damaligen Bundeswirtschaftsministers unterzeichnet der damalige Eigentümer des Werkes, Cockerill Sambre, einen Vertrag zu Investitionen und Modernisierungsmaßnahmen.
In einem Punkt haben Manfred Stolpe und Karl Döring übrigens nicht übereingestimmt: Auf die Frage des Politikers, ob der Stahlmanager Wirtschaftsminister werden wolle, sagte der nur kurz: "Nein."
Das Buch ist unter anderem im Buchhaus Jachning in der Lindenallee erhältlich.