Stolze 875 Mark der DDR hat die Veritas-Nähmaschine mit Schrank gekostet, die Ute Rothe jetzt seit fast 37 Jahren ihr eigen nennt. Und die ihr bis heute gute Dienste leistet. Eines ihrer Monatsgehälter hätte der Eisenhüttenstädterin, die damals, im Dezember 1983, Angestellte im EKO war, zum Bezahlen nicht gereicht. Doch Geld spielte damals in der DDR ohnehin für viele Leute nicht die entscheidende Rolle – es kam vielmehr darauf an, wie man rankam an das begehrte Konsumgut.
Ute Rothe ist hochschwanger, als sie zur Mittagszeit das Haushaltswarengeschäft hinter dem Friedrich-Wolf-Theater (da, wo heute der Bauernmarkt ist) betritt. Auf der Suche nach einer der heiß begehrten Nähmaschinen aus dem VEB Nähmaschinenwerk Wittenberge – in der DDR war vor allem derjenige gut gekleidet, der seine Kleidung selbst genäht hat – ist sie nicht. „Ich habe ohnehin nicht damit gerechnet, jemals eine zu bekommen“, blickt sie zurück. Als sie in dem Geschäft die Treppe hochgeht, hört sie, wie an der Tür eine Frau eine Verkäuferin fragt, ob es etwas Besonderes gibt. Die Antwort: „Ja, wir haben Nähmaschinen.“
„Ich tat, als habe ich nichts gehört“, erzählt Ute Rothe. „Ich habe ein bisschen hier und da geguckt und bin dann rein in die Abteilung – tatsächlich, da standen zwei Nähmaschinen mit Schrank.“ Was heute wohl niemand mehr machen würde: Sie fragt eine Verkäuferin, ob die Nähmaschinen denn zu verkaufen seien. Diese bejaht: Die deutlich preiswerteren Koffernähmaschinen seien schon raus, aber die zwei teuren mit Schrank seien noch zu haben. Eine Bedingung gebe es jedoch: Sie müsse die Nähmaschine am selben Tag abholen. Damit das im Laden stehende Gerät keine Begehrlichkeiten weckt.

In der Stadt sprach sich rum, dass es Nähmaschinen gibt

Doch wie immer, wenn es was Besonderes zu kaufen gibt, spricht sich auch die Nähmaschinenlieferung schnell rum in Eisenhüttenstadt. „Ich rief meinen Vater an, der hat sich irgendwo einen Anhänger für seinen Skoda besorgt und als wir nachmittags zu dem Geschäft kamen, stand davor schon eine lange Schlange wartender Menschen, die eine Nähmaschine kaufen wollten“, erinnert sich Ute Rothe. Etwa 30 Menschen hätten angestanden in der Hoffnung, eine abzubekommen. „Mein Vater und ich sind rein in den Laden, an der Schlange vorbei, und als wir mit meiner Nähmaschine rauskamen, wurde ich sofort gefragt: ,Wann haben Sie die denn gekauft? Um wie viel Uhr? Aha, also mittags, wo unsereiner arbeiten geht?!‘“
Ute Rothe jedenfalls „war wirklich glücklich“, erzählt sie. „Ich war  hochschwanger, in wenigen Wochen sollten wir unsere erste Wohnung im VII. Wohnkomplex bekommen, eine Neubauwohnung. Und für diese wollte ich natürlich schöne Gardinen nähen.“ Das erste, was sie damals mit ihrer nagelneuen Schranktischnähmaschine nähte, waren dann auch die Gardinen und die Übergardinen für die erste Wohnung. Und das vorerst letzte, das sie auf der Veritas mit surrender Nadel neu fertigte, ist eine Abdeckung für ein Ultraleichtflugzeug.

Nähmaschine wäre vor drei Jahren beinahe auf dem Schrott gelandet

„Heute nähe ich eigentlich nur noch, um etwas zu ändern oder auszubessern“, sagt Ute Rothe. Doch in den Jahren der DDR habe sie sehr viel Kleidung selbst genäht – nach Schnittmusterbogen oder wenn sie irgendwo etwas Schönes gesehen habe. „Meine schönsten Sachen waren die selbst genähten Sachen. Und Stoffe gab es in der DDR mehr als genug, auch sehr schöne Stoffe.“ Nur das, was die Textilindustrie so herstellte, das gefiel den meisten Menschen eher nicht.
Vor drei Jahren wäre die Veritas 8014/40 mit Schrank – so der offizielle Produktname – beinahe auf dem Schrott gelandet. „Sie wollte nicht mehr so richtig und ich stand schon im Laden, um mir eine neue zu kaufen“, erzählt Ute Rothe. Doch es habe sich herausgestellt, dass eigentlich nur der Keilriemen „mürbe“ geworden sei. In dem Fachgeschäft in Frankfurt, in dem sie sich schon eine neue Maschine ausgeguckt hatte, hat sie dann einen Keilriemen für ihre alte Veritas bekommen – hergestellt in Polen.

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