"Ich dachte erst, die wollen mich reinlegen!" Solche explosiven Tage erlebt Heike Herrmann, Verbandsvorsteherin des Trinkwasser- und Abwasserzweckverbandes  (TAZV), nicht oft. Als Mitarbeiter sie jüngst darüber in Kenntnis gesetzt haben, dass im alten Backsteingebäude gegenüber Handgranaten gefunden wurden, ist sie kurz sprachlos.
Dann jedoch werden sofort das Ordungsamt der Stadt sowie der Kampfmittelbeseitigungsdienst der Polizei informiert. Der Zwischenfall ereignete sich bereits am 13. Mai, blieb jedoch weitestgehend unbemerkt.
Das Backsteinhaus auf dem Gelände des TAZV wird ebenfalls als Verwaltungsgebäude genutzt. Dort arbeite vorrangig der Bereich Trinkwasser, informiert Heike Herrmann. Zudem befänden sich dort die Duschen und die Umkleideräume für die Mitarbeiter. In mehreren Bauabschnitten soll das Gebäude nun umgebaut und modernisiert werden. Ein zweiter Rettungsweg muss ebenfalls her und das Dach braucht eine Generalüberholung. Die fehlende Isolierung sowie zu niedrige Räume führten zur Entscheidung des Wasserbands, in das Objekt Geld zu investieren. Mehrere Bauabschnitte sind geplant. Am 13. Mai sind Bauarbeiter im bislang ungenutzten Dachgeschoss dabei gewesen, Schutt in Eimer zu packen und aus dem Haus zu bringen – als plötzlich in einer Dachschräge zwei Stielhandgranaten auftauchen. "Da ist sonst nie ein Mensch hingekommen", sagt Heike Herrmann.
"Das Ordnungsamt hat verfügt, dass wir dieses und unserer anderes Gebäude sofort verlassen müssen", erinnert sich die Verbandschefin. Da sei es kurz nach 10 Uhr gewesen. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst, der zuvor noch einen Einsatz in Erkner hatte, sei dann relativ schnell vor Ort gewesen. "Die Experten haben ziemlich schnell erkannt, dass an den Handgranaten keine Zünder dran waren." Entwarnung! Erleichterung! Und noch etwas scheint sicher: Es soll sich um Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg handeln. "Die haben dann natürlich noch alles abgesucht und sind tatsächlich noch auf eine dritte Stielhandgranaten gestoßen – ebenfalls ohne Zünder", erzählt Heike Herrmann. Zudem fand man ein Säckchen mit Munition. Kurz nach 12 Uhr konnten die TAZV-Mitarbeiter und die Bauarbeiter wieder in die Gebäude.
Peter Kaufmann, Hobbyhistoriker aus Neuzelle, der sich auch viel mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt hat, bekam bereits Bilder von dem Fund zu sehen: Er ist sich ziemlich sicher, dass es sowjetische Handgranaten vom Typ RGD-33 sind. Bei der ebenfalls gefundenen Munition handelt es sich laut Kaufmann höchstwahrscheinlich um Patronen, die mit der Tokarew-Pistole und der  Maschinenpistole PPSh 41 verschossen wurden. Er hat auch eine Erklärung dafür, warum die Granaten ohne Zünder dort lagen. "Granaten werden nie mit Zünder transportiert. Der wird immer erst kurz vor dem tatsächlichen Gebrauch an der Granate angebracht", sagt er.
Wie die Granaten in das mehr als 100 Jahre alte Haus gekommen sind, wird wohl nie geklärt. Peter Kaufmann kann sich vorstellen, dass ein paar Sowjets in den letzten Kriegstagen von 1945 dort übernachtet haben. Die nahegelegene Straßenbrücke, die mit dem Bau des Oder-Spree-Kanals errichtet worden war, war übrigens im letzten Kriegsjahr von deutschen Truppen gesprengt worden. Die Wiederherstellung erfolgte 1951. Bis dahin gab es auf Höhe des historischen Speicher-Gebäudes eine Fähre, um über den Kanal zu kommen.
Doch zurück zum Backsteinhaus. "Das war ursprünglich das Kontorgebäude der Niederlausitzer Kohlenwerke AG – kurz NKW. Dabei handelte es sich um eine Brikettfabrik mit Verladehafen, die 1891 mit Inbetriebnahme des Oder-Spree-Kanals gegründet worden und nach der Glashütte zweitgrößter Arbeitgeber der Stadt Fürstenberg war", weiß Michael Reh von der Stadtverwaltung Eisenhüttenstadt, der sich tiefgehend mit der Geschichte des Oder-Spree-Kanals beschäftigt hat. 1906 habe man das Haus so umgebaut, dass Beamte der NKW darin wohnen konnten. Die Kohlenwerke gingen 1927 in Insolvenz und wurden vom Märkischen Elektrizitätswerk (MEW) übernommen und geschlossen. Der NKW-Hafenleiter Adolf Mielenz betrieb den Kohlenhafen Michael Reh zufolge als allgemeinen Umschlaghafen bis 1945 weiter.