Den jüngsten 4:0-Heimsieg des Fußball-Brandenburgligisten FC Eisenhüttenstadt gegen den bisherigen Tabellenführer Einheit Bernau hat teilweise auch ein Team des Westdeutschen Rundfunks gefilmt. Allerdings ging es dem WDR in erster Linie um eine Reportage zu Geschehnissen vor einem halben Jahrhundert, die am Sonntagabend bei "Sport inside" gezeigt werden soll.
Das Fernsehteam um Uwe Karte stellt die Sportgerichtsurteile des Deutschen Fußball-Verbandes der DDR (DFV) von 1967 und 1970 gegen den Vorgängerverein BSG Stahl Eisenhüttenstadt in den Fokus, der wegen unerlaubter Abwerbung von Spielern für sein DDR-Liga-Team empfindlich bestraft worden war. Darauf gekommen war Karte durch Recherchen zur BSG Aktivist Schwarze Pumpe (jetzt Hoyerswerdaer FC), die 1970 wie die BSG Stahl nach zwei Spieltagen aus der DDR-Liga in die Bezirksliga zurückgestuft worden war. Etwas später hatte es auch Chemie Wolfen erwischt.
In diesem Zusammenhang hatte Karte unter anderem mit dem 50-fachen DDR-Nationalspieler Hans-Jürgen Kreische gesprochen, den damals die BSG Stahl auch abwerben wollte. Für Kreische seien damals nur zwei Eisenhüttenstädter Spieler ein Begriff gewesen: der nicht für die Oberliga spielberechtigte ehemalige Junioren-Auswahlspieler Günter Kasel als Spiellenker sowie Torjäger Horst Kittel.
Folglich setzte sich der Redakteur mit Kasel in Verbindung. "Für mich war diese Rückstufung damals sehr unangenehm und ich habe das verdrängt", sagt der heute 72-Jährige. "Eigentlich wollte ich darüber nicht reden. Schließlich habe ich mich aber doch breitschlagen lassen, weil Horst Kittel derzeit aus gesundheitlichen Problemen nicht zur Verfügung steht und viel eher dafür aussagefähige Spieler wie Torwart Walter Reschke nicht wollten." Immerhin stellte sich für das Gespräch auf Anraten von Kasel auch Siegfried Nowka zur Verfügung, der seit vielen Jahren in Glowe bei Friedland wohnt. Nowka, der von 1961 bis 1970 in Personalunion Mannschafts- und Sektionsleiter beziehungsweise Sekretär der Sektionsleitung war, hatte damals die Fäden gezogen.
Autor Uwe Karte ist von Siegfried Nowka begeistert. "Erstaunlich, was er als 82-Jähriger noch an Details weiß. Er ist geistig absolut fit. Ebenso Günter Kasel, beide konnten viel erzählen und haben es mir sehr leicht gemacht."
Emsig hatte die BSG Stahl in den 1960er-Jahren an einem Oberliga-reifen Team gebastelt. Das EKO hatte den Liga-Spielern Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt, gute Wohnungen beschafft, zum zweimal täglichen Training freigestellt und zusätzliche Prämien gezahlt. Das hatte bereits in den 1950er-Jahren manchen hochklassigen Spieler wie den Zwickauer Herbert Heinze angelockt. Mitte der 60er war es unter anderem der Neubrandenburger Joachim Steinfurth.
"Wenn ich von Generaldirektor Erich Markowitsch in einem Jahr die Zusage für fünf Wohnungen hatte, wusste ich, jetzt kann ich fünf gute Spieler holen." Nowka versuchte, sich bei den Besten in den neu geschaffenen Sportklubs zu bedienen. So war er auch beim SC Magdeburg an Günter Weimann, Rainer Wiedemann und dem späteren Auswahlspieler "Paule" Seguin dran. In der DDR war es jedoch illegal, von Sportklubs Spieler abzuwerben. Magdeburg beschwerte sich 1967 beim Verband, der bestrafte Stahl mit einem Vier-Punkte-Abzug, und die Bördestädter stiegen auf. Danach hatte Nowka auch die Dresdener Dynamo-Spieler Eduard Geyer, Hansi Kreische und Klaus Sammer an der Angel. "Ich glaube kaum, dass ein Kreische zu uns gewechselt wäre. Dazu war er zu gut. Das Angebot haben sie sicherlich als Druckmittel für ihren Verein genommen, um ein paar hundert Mark herauszuschlagen", vermutet Kasel.
Immerhin stieg Stahl 1969 in die DDR-Oberliga auf, musste jedoch bereits nach einem Jahr wieder absteigen. Nach zwei DDR-Liga-Spielen ging es eine weitere Liga tiefer. "Es wurden finanzielle Mittel verschiedener Fonds des Betriebes ungerechtfertigt für sportfremde Zwecke verausgabt", heißt es in der Urteilsbegründung des Verbandes. Sektionsleiter Dr. Manfred Sader und der Sekretär der Sektion Nowka wurden für zwei Jahre als Funktionäre gesperrt sowie Manfred Fuchs und Hans Studener für zwei Jahre als Trainer aus dem Verkehr gezogen. Dazu wurden drei Spieler für ein Jahr gesperrt. Gegen den stellvertretenden Kombinatsdirektor Dr. Manfred Drodowski gab es ein Parteiverfahren. Fortan wurden die Stahl-Spieler vom Verband regelmäßig überprüft, ob sie auch tatsächlich einer Arbeit nachgehen. Kasel: "Dass der Verband auf die Einhaltung des Amateur-Paragraphen achtete, kann ich nachvollziehen. Doch dann hätte es noch viele andere Vereine treffen können. Wir mussten danach alle entsprechend unserer Qualifikation arbeiten, hatten einen Acht-Stunden-Tag und konnten erst nach der Arbeit trainieren."
Die Kontrollen lockerten sich erst nach einigen Jahren. So vergingen bis zur Rückkehr in die Oberliga noch 19 lange Jahre.