Es ist ruhig an der Neiße am Rande des kleinen Örtchens Coschen. Der Wind wirbelt die Blätter durcheinander, am Himmel fliegt ein Vogelschwarm gen Süden. Nur äußerst selten wird die Idylle in dem Ortsteil der Gemeinde Neißemünde durch ein heranbrausendes Auto gestört, das über den Grenzfluss ins Nachbarland gelangt. Im Jahr 1896 wurde an dieser Stelle eine Holzbrücke errichtet, 1945 brannte diese ab. Erst 2014 wurde eine neue Brücke gebaut, sie erhielt den Namen "Neißewelle". Die weißen Bögen strahlen noch heute beinahe wie am Tag der Eröffnung. Damals kamen Vertreter aus Politik und Gesellschaft und lobten die Brücke als weiteren Baustein der europäischen Verschmelzung. Doch unter den Anwesenden waren auch zahlreiche Skeptiker aus der Bevölkerung, die den Sinn des Bauwerks nicht verstanden und es als "subventionierte Hilfe für osteuropäische Diebesbanden" sahen.
Drei Jahre später hat sich die Stimmung nicht gedreht. Im Gegenteil, die Gegner der Brücke sind nach wie vor zahlreich vertreten - viele von ihnen scheinen aber resigniert zu haben. "Im Dorf sind neunzig Prozent der Leute gegen die Brücke, damals wie heute. Die Übergriffe auf unsere Gehöfte haben in den letzten drei Jahren stark zugenommen. In die Gaststätte Pappelschenke am Sportplatz wird im Schnitt einmal pro Monat eingebrochen, da macht natürlich keine Versicherung mehr mit", berichtet ein Anwohner mittleren Alters, der mit zwei Nachbarn ein Feierabendbier vor der heimischen Garage trinkt. Trotz der vermehrten Einbrüche, die Gründung einer Bürgerwehr - wie etwa in Lawitz - sei in Coschen nie ein Thema gewesen. "Dort gibt es ja nur eine Ausfallstraße, aber bei uns können die Diebe in alle vier Richtungen abhauen. Da macht ein freiwilliger Wachdienst doch keinen Sinn."
Die im Vorfeld vielfach geäußerte Befürchtung, dass aufgrund der Brücke mehr als 1000 Autos pro Tag den kleinen Ort durchfahren, sei zwar nicht eingetreten, aber der Verkehr habe schon spürbar zugenommen. "Besonders die Polen fahren wie die Bekloppten. Wir haben schon vor langer Zeit ein 30 km/h-Schild beantragt, aber da passiert nichts", erzählt einer der Männer. Nach möglichen Vorteilen gefragt, wird als erstes der Boreksee genannt. Dieser befindet sich östlich der Neiße etwa sechs Kilometer vom Coschener Dorfzentrum entfernt. "Dahin kann man wirklich schöne Ausflüge machen. Und auf dem Weg kann man ein paar Bierchen in einem polnischen Laden kaufen." Ansonsten ist die Infrastruktur hinter der Brücke noch sehr bescheiden: "Eine Tankstelle wird schon seit Jahren gebaut, sie wird aber einfach nicht fertig. Und auch ein Supermarkt war eigentlich geplant", erzählen die Männer.
Versöhnlichere Töne werden hingegen in der Bäckerei Lehmann angeschlagen. "Wir waren von Anfang an für die neue Brücke und nutzen sie auch regelmäßig. Man kann zum Beispiel schöne Ausflüge mit dem Rad machen. Bei uns kommen immer wieder Gruppen aus Guben vorbei, die hier übersetzen und dann auf der anderen Flussseite zurückradeln", erzählt Bäckersfrau Marga Lehmann. Auch für das Geschäft sei die Brücke belebend. "Wir haben mehrere Stammkunden aus Polen. Und einige polnische Eltern bringen ihre Kinder zum Bahnhof, von dort fahren diese dann zum Beispiel weiter zum Gymnasium nach Neuzelle", berichtet sie. Als Nachteil empfindet sie den zunehmenden Verkehr: "Viele polnische Lkw fahren trotz Hindernissen schnell durchs Dorf, da muss man schon aufpassen."
In Zytowan, dem ehemaligen Seitwann, geht es noch beschaulicher zu als in Coschen. Rund 150 Menschen leben hier. Kurz hinter der Grenze hat vor mehreren Jahren eine Erholungsanlage mit einem See für Angler und kleinen Ferienhäuschen eröffnet. Daneben steht eine Tankstelle und ein Supermarkt - beides im Rohbau. "Man sagt, es soll dieses Jahr noch fertig werden. Aber wer weiß das schon", sagt Kazimierz Nowicki. Der Rentner ist Bürgermeister von Zytowan und betreibt hier einen kleinen Laden. Im "U Kazika" - "Bei Kasimir" gibt es alles für den täglichen Bedarf - Brot, Wurst, Milch. Und natürlich Alkohol und Zigaretten. Deutsche Kunden kämen trotz der geringeren Preise gerade für Tabak nur selten vorbei. "Das ist schade, dabei habe ich jeden Tag geöffnet - auch am Sonntag", meint er. Der nächste Grenzübergang befindet sich neun Kilometer südlich von Coschen in Guben, im Norden sind es bis zur Frankfurter Stadtbrücke immerhin knapp 50 Kilometer.
Daher sieht Nowicki die Brücke positiv. "Unsere Dorfbewohner können schneller nach Deutschland kommen, etwa zum Zug in Richtung Berlin. Und die Touristen haben den Vorteil, dass es auf der deutschen Seite der Neiße einen guten Fahrradweg gibt. Wenn endlich die Tankstelle und der Markt fertig sind, haben alle etwas von der Brücke."
Auch Coschens Ortsvorsteher Edmund Henze steht der "Neißewelle" grundsätzlich positiv gegenüber. "Es wird in der Bevölkerung immer Bedenken geben. Und die vielen Einbrüche sind natürlich ein leidiges Thema. Leider klappt die Zusammenarbeit mit der Polizei nicht gut. Die meisten Einbrüche passieren nachts, da wird aber kaum kontrolliert. Am Tage braucht man nicht an der Grenze stehen." Gleichzeitig begrüßt er, dass durch die Brücke mehr los sei im Ort. "Wir liegen so abgelegen, da kann uns ein bisschen Betrieb nicht schaden. Viele Coschener und Leute aus dem Umland fahren hier über die Neiße, etwa zur Gaststätte am Boreksee. Und auch nach Gubin geht es über die polnische Seite schneller."
Kooperationen mit dem Nachbarort gibt es keine, die neue Brücke konnte bislang kaum Verbindungen herstellen. "Da war einiges geplant, aber das gestaltet sich leider sehr schwierig. Unter anderem sollte eine gemeinsame Bootsanlegestelle nahe der Brücke gebaut werden, aber an die großen Fördertöpfe kommen wir mit solch kleinen Projekten nicht heran", sagt Edmund Henze, der sich seit 16 Jahren als ehrenamtlicher Ortsvorsteher engagiert. Immerhin unterhält der Coschener Sportverein seit mehreren Jahren eine Partnerschaft mit einem polnischen Club. Auf die Fahrten zum dortigen Sportfest geht es auf direktem Wege - über die Brücke.