Jemandem, der 35 Jahre gearbeitet hat, dem soll mindestens 900 Euro Rente zustehen. Egal, ob er in Voll- oder in Teilzeit beschäftigt gewesen ist. Auch eine Bedürftigkeitsprüfung soll es nicht geben – das heißt, dass weder das Einkommen des Partners noch andere Einkünfte und Vermögenswerte des Anspruchsberechtigten geprüft werden. So viel zum Grundrentenplan des Arbeitsministers Hubertus Heil. Sabine Görbing findet dieses Modell gerade in Hinblick auf ihren Berufsstand sehr gut. Seit 13 Jahren leitet die 51-Jährige einen Friseursalon in Fürstenberg. Sie entschied sich für den Weg in die Selbstständigkeit, nachdem sie im Zuge des Abrisses vieler Wohngebäude ihren alten Salon verloren hat, der zu DDR-Zeiten der Produktionsgenossenschaft des Handwerks gehörte. Zur Arbeit geht sie gern, aber finanziell ist es für sie immer schwierig gewesen. Irgendwann entschied sie sich, nach 21 Beitragsjahren nicht mehr in die gesetzliche Rentenkasse einzuzahlen. „Weil ich nicht wusste, ob ich mir diesen hohen Rentenbeitrag noch leisten kann.“ Stattdessen versicherte sie sich bei zwei privaten Anbietern und steht jetzt viel besser da, wie sie sagt.
In ihrer Entscheidung bestätigt fühlt sie sich auch aufgrund der Situation zweier Kolleginnen, die kürzlich in den Ruhestand gegangen sind. Zwischen 500 und 700 Euro Netto bleibt ihnen zum Leben. Es ist der Betrag, den eine Friseurin mit einem monatlichen Lohn von rund 1400 Euro – das ist auch das Durchschnittsgehalt einer Vollzeitangestellten  – erwarten kann. „Als Alleinstehender reicht das nicht.“ Dafür, dass sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, findet Sabine Görbing das nicht tragbar. Zumal ihrer Erfahrung nach mittlerweile viele Friseure in Teilzeit arbeiten.
Und wie soll die Grundrente finanziert werden? Eine Friseurin, die seit 30 Jahren im Beruf steht und ebenfalls einen Salon in Eisenhüttenstadt leitet, ist der Ansicht, dass das Modell mit Steuergeldern finanziert werden sollte. Die 46-Jährige argumentiert damit, dass auch eine Aufstockung zur Rente, die dann ja bei vielen notwendig sei, ebenfalls von der Allgemeinheit getragen werde. „Es ist zwar eine andere Kasse, aber ebenfalls Geld vom Staat.“ Auch sie hat sich nach 18 Jahren – so lange müssen Handwerker Pflichtbeiträge zahlen – von der gesetzlichen Rentenversicherung verabschiedet und sorgt privat vor. „So habe ich am Ende mehr Geld in der Hand.“ Doch selbst so würde es ohne ihren Partner später aus ihrer Sicht nicht ganz reichen. „Gott sei dank habe ich meinen Mann.“
Aus diesem Grund hält die 46-Jährige auch von der Bedürftigkeitsprüfung nichts, bei der etwa das Einkommen des Partners in die Beurteilung, ob Grundrente gezahlt wird, miteinbezogen wird. „Wenn du gearbeitet hast, dann steht dir das zu.“ Auch Sabine Görbing findet das Gehalt des Mannes in diesem Fall unerheblich. „Als Frauen haben wir immer unser eigenes Geld verdient und dann sollen wir im Alter von den Männern abhängig sein.“ Frauen sollten in ihren Augen als eigene Person betrachtet werden.
Doch gerade die Bedürftigkeitsprüfung sowie die Finanzierung dieses Modells sind es, die in der öffentlichen Diskussion in Frage gestellt werden. Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer etwa spricht davon, dass nun „mit vollen Händen“ in die Sozialkassen gegriffen werde. Solche Äußerungen wundern Uwe Gerlach. Der 46-jährige, der sich 2005 als Tischler selbstständig gemacht hat, möchte nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung erscheinen, weil er sonst Nachteile befürchtet. Derartige Äußerungen blenden seiner Ansicht nach die Realität aus. „Solche Menschen sitzen in ihren Glaspalästen und lassen den kleinen Handwerker verhungern.“
Denn er sowie die meisten anderen seiner Kollegen zahlten nach der Erfüllung der Pflichtjahre gar nicht mehr in die gesetzliche Rentenkasse ein, wie er sagt. „Ich kann mir die Rente gar nicht leisten.“ Auch privat sorgt er nicht vor, denn er verdiene einfach nicht so gut, als dass er etwas zurücklegen könnte. „Ich bin prädestiniert für die Altersarmut“, sagt der Familienvater.
Warum man gerade kleineren Unternehmern nicht stärker unter die Arme greift, fragt sich ein anderer selbstständiger Handwerker aus Eisenhüttenstadt. So fällt es ihm immer schwerer, die monatlich anfallen Abgaben zu bewältigen – geschweige denn etwas für das hohe Alter zurückzulegen.