So was vergisst man nicht!“ Damit wird Tobias Kaufhold, Sänger der Band 4. Stock, wohl recht behalten. Das, was da am Sonnabend in der Lindenallee in Eisenhüttenstadt los war, das dürfte bei Mitwirkenden und Besuchern noch lange für Gesprächsstoff sorgen. Es hat wahrscheinlich viele inspiriert. Und es hat vor allem Spaß gemacht. Die Axel-Titzki-Stiftung hatte zur zweiten Runde Straßenmusik eingeladen. Was mit Straßenmusik begonnen hatte, endete letztlich in einem gänzlich neuen Format: und zwar Küchenmusik. Die war so reichhaltig wie ein fantasievoll gedeckter Frühstückstisch am Wochenende.

Petrus hat kein Einsehen

Aber der Reihe nach! „Wir vertreiben die Regenwolken“, heißt es am Vormittag noch auf der Facebookseite der Axel-Titzki-Stiftung. Doch diesmal lässt sich Petrus nicht besänftigen. Es schüttet und schüttet und schüttet. Kein Grund, die geplante Veranstaltung unter freiem Himmel abzusagen. Unter einem Pavillon entsteht die Bühne, die Technik wird mit Plastik verhüllt. Sicher ist sicher.
Und dann geht es auch schon los mit Allanah und Timo. Das Publikum sucht sich ein trockenes Plätzchen unter dem Getränkewagen oder dem Dachvorstand vor dem Schaufenster. Das Wasser aber findet seinen Weg, genau wie der Wind. Andrea Titzki, Vorstandsvorsitzende der Stiftung, und ein paar Besucher werden zu menschlichen Stützpfeilern, damit es den Pavillon nicht wegfegt. Es wird gelacht, mitgegroovt und genossen.

Lob ans wetterfeste Publikum

Das bringt ein Lob des Sängers der Band 4. Stock ein. Dem macht der Auftritt trotz der widrigen Umstände mächtig Spaß. Er singt von der Dunkelheit und von lustigen Vögeln und positioniert sich mit „Nie wieder“ gegen den Krieg. „Wir haben gleich zugesagt, als die Anfrage kam“, erzählt Tobias Kaufhold nach dem Auftritt. „Da war sofort ein guter Draht zu Andrea Titzki da.“
Straßenmusik in Eisenhüttenstadt wird zur Küchenmusik

Livemusik Straßenmusik in Eisenhüttenstadt wird zur Küchenmusik

Die Corona-Pandemie – oder wie er sagt, die „Corinna-Zeiten“ – haben auch 4. Stock zurück ins Erdgeschoss geholt. „Es sollte grad richtig losgehen mit den Konzerten“, erzählt er. Doch der Lockdown und die Abstands- und Hygieneregeln bremsten die vier Musiker aus. „Das hier in Eisenhüttenstadt war der erste Gig seit Februar“, berichtet er.

Die Bratwurst lockte an

Seitdem hat sich unendlich viel Energie angestaut, die war in der Lindenallee zu spüren – trotz des unangenehmen Wetters, das viele abschreckte, die vier Wände zu verlassen.
Christa und Wolfgang Clich aus dem benachbarten Hochhaus wollen dennoch mal schauen und lauschen. Und die Bratwurst vom Stand des Landkostladens hat den Vorteil, dass der heimische Herd an diesem Tag kalt bleiben kann. „Ich finde das gut hier“, sagt die Seniorin unter dem Regenschirm. „Nur das Wetter ist bescheiden.“ Das sieht Christina Bellé-Kohls vom Küchenstudio hinter dem Pavillon ebenso. Sie lädt die Musiker und die Besucher kurzerhand zu sich ins Geschäft ein. „Die Leute reisen extra an, die haben Lust darauf, Musik zu machen. Da dachte ich mir, was gibt es Besseres als Musik in der Küche?“ Die Chefin höchstpersönlich verteilt sogar Kaffee. Lead Pencil spielen, Emotional Outburst, die bereits beim Förderpreis der Axel-Titzki-Stiftung dabei waren, sind mit von der Partie, genau wie der Beatboxer Eric Klein. Und Enrico Wassilick, der für die Technik zuständig ist, greift auch einfach zum Mikrofon. Tolle Songs, tolle Stimmung und hoffentlich irgendwann eine Wiederholung. „Die, die nicht hier waren, dürfen ruhig neidisch sein“, sagt Christina Bellé-Kohls.