Neulich wurde ich bei einem Stadtrundgang nach dem weiteren Schicksal des Hotels Lunik gefragt. Nicht schadenfroh oder provokatorisch, wie das auch manchmal vorkommt, nein, eher mitfühlend und mit echtem Interesse - man kannte das Lunik ja schon aus den Sechziger- und Siebziger-Jahren, als es als Hotel erstes Haus am Platze war. Stolz und selbstbewusst und voller Leben bildete es damals wie stadtplanerisch beabsichtigt gemeinsam mit dem früheren Textilkaufhaus das Tor zur Lindenallee. 1984 war es folgerichtig zusammen mit der Magistrale unter Denkmalschutz gestellt worden.
Den älteren Eisenhüttenstädtem wird der nach der Wende einsetzende Verfallsprozess des Hauses in Erinnerung sein: Zunächst ein schwacher Modernisierungsversuch, dann die Umnutzung des Cafés zu einem Drogeriemarkt und schließlich die Schließung des Hauses. Mehrere Eigentümerwechsel folgten, bis das Hotel schließlich durch irgendeine Immobilienfirma "auf Halde" gelegt wurde. Während das benachbarte Textilkaufhaus durch entschlossenes Handeln der Stadtverwaltung einen potenten Investor und einen pfiffigen Entwurf eine neue Zukunft erhielt, während die Straße der Republik durch vorbildliche Sanierung von sich reden machte und neuerdings auch das Gebäude der Stadtverwaltung deutlich verjüngt wurde, verfiel die Hotelfassade, begrünte sich die Terrasse und verkam der Ostgiebel bis hin zur ehemaligen Luna-Bar zur wilden Plakatierfläche. Sprayer erledigten schließlich den Rest. Im Jahr 2007 konnte das Hotel immerhin noch als Schauplatz des Low-Budget-Films "Lunik" wirksam werden - es wurde ein heruntergekommenes Hotel gebraucht - und kürzlich war es sogar Gegenstand einer gelungenen Fotoausstellung. Aber kann es denn das gewesen sein? Darf man sich damit einfach abfinden?
Man möge einem alteingesessenen Eisenhüttenstädter, der in diesen Tagen den 60. Jahrestag seiner Ankunft in der Stadt erlebt, die Weitschweifigkeit seiner Schilderung nachsehen, aber zum Anfang seiner hiesigen stadtplanerischen Tätigkeit gehört eben auch die Planung des Hotels, gehören die ersten Grundrissskizzen für dieses Haus, die gemeinsam mit dem damaligen Chefarchitekten Willi Stamm zu Papier gebracht wurden.
Zurück zum Ausgangspunkt meiner Betrachtungen. Ich konnte meinem Besuch die Verfallsgeschichte unseres Hotels zwar schildern, aber begründen und sie damit als unwiderruflich hinnehmen, kann ich sie nicht. Ich vermag mich auch mit der bei jeder Gelegenheit schulterzuckend vorgetragenen Erklärung, dass das Hotel nun einem Privateigentümer gehöre und von ihm nur die Abwendung baulich bedingter Gefahren verlangt werden könne, nicht einverstanden zu erklären. Heißt es denn nicht: "Eigentum verpflichtet"? Wie belastbar ist dieser Ausdruck allgemeinen Rechtsempfindens eigentlich bei der Betrachtung der Verfallsgeschichte unseres Hotels? Wikipedia hilft auch hier mit seiner Darstellung der Sozialpflichtigkeit des Eigentums: Der Gebrauch von Häusern und Firmen solle dem Gemeinwohl zu Gute kommen bzw. ihm nicht zuwiderlaufen. Schon aus der Weimarer Verfassung, noch deutlicher aber aus dem Grundgesetz, leite sich die Verpflichtung der Immobilienbesitzer ab, "ihr Eigentum Instand zu halten und nicht verkommen zu lassen".
Unsere Stadt kann gerade in der politisch und stadtplanerisch nicht leicht zu meisternden Phase des Stadtumbaus mit Recht stolz auf die gute Zusammenarbeit mit den Organen der Denkmalpflege sein. Groß und vielgestaltig war das Konfliktpotential, das sich bei der Sanierung und Modernisierung sowie teilweise auch bei der Umnutzung unseres baulichen Denkmalbestandes ergab, doch meist wurden vertretbare Kompromisse zwischen wirtschaftlichen, funktionellen und gestalterischen Interessen gefunden, die auch aus dem Stadtumbau einen durchaus schöpferischen Prozess werden ließen.
Umso weniger zu begreifen sind der Zustand des Hotels und die bis zur Lethargie reichende Ratlosigkeit, mit der wir den jämmerlichen Restbeständen eines der schönsten, interessantesten und beliebtesten Gebäude der Innenstadt und ihrer Magistrale gegenüberstehen. Ich habe kein Rezept in der Tasche, möchte aber mit meinen Darlegungen das öffentliche Interesse wachrütteln und dazu aufrufen, nachzudenken, wo uns vorhandene gesetzliche Gegebenheiten nicht nur die Pflicht zum Handeln nahe bringen, sondern auch die Möglichkeiten dazu eröffnen. Das Hotel braucht eine Revitalisierung, wenn vieles andere nicht vergeblich gewesen sein soll.