Das Eisenhüttenkombinat Ost, das EKO, wie heute noch immer viele liebevoll zu ArcelorMittal Eisenhüttenstadt sagen, ist für viele mehr als nur irgendein Arbeitgeber. Das Werk, das in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, hat das Leben von mehreren Familien-Generationen geprägt, es ist der Motor für die Stadt gewesen und gleichzeitig ein Anker für die dort lebenden Menschen.
„Solange mein Freund und ich hier Arbeit haben, wollen wir auch in Eisenhüttenstadt bleiben.“ Henriette Lehmann ist 24 Jahre alt und mittlerweile die dritte Generation ihrer Familie, die im Werk arbeitet.

Industrie statt Hotelfach

Die junge Frau hat nach ihrem Abitur am Rahn-Gymnasium in Neuzelle ihre Ausbildung als Industriekauffrau im Berufsbildungszentrum (BBZ) von ArcelorMittal begonnen. Mittlerweile ist sie im Personalmanagement des Unternehmens tätig.
„Früher wollte ich immer ins Hotelfach“, erzählt sie, „dann bin ich doch im EKO gelandet.“ Bereut habe sie das nie. „Das ist einfach der beste Arbeitgeber hier, auch finanziell gesehen“, sagt Henriette Lehmann, deren Freund am Hochofen arbeitet. Sie selbst wollte nie in die Produktion. Während der Ausbildung sei sie allerdings ein paar Monate im Warmwalzwerk gewesen. „Da ist die Akzeptanz für Produktionsberufe gestiegen.“
Das Warmwalzwerk von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt
Das Warmwalzwerk von ArcelorMittal Eisenhüttenstadt
© Foto: Gerrit Freitag
Zum Warmwalzwerk gibt es sowieso eine besondere Verbindung. Dort arbeitet nämlich Uwe Kokolsky, ihr Vater. Der 57-Jährige hat bereits Tiefen und Höhen mit dem Werk erlebt. 1979 hat er Schlosser im EKO gelernt und durfte natürlich bleiben.

Nach der Wende folgt die Kündigung

Bis Anfang der 1990er hat er im Roheisenwerk gearbeitet. „Als dann  nach der Wende die Entlassungen kamen, durfte ich auch gehen.“ Doch dann wurde das Warmwalzwerk gebaut. Das war eine politische Entscheidung, damit hatten wir endlich einen geschlossenen metallurgischen Zyklus. In der DDR hat das Geld für den Bau gefehlt. Die Fundamente aber gab es schon“, erzählt er. Kokolsky bewarb sich, wurde genommen und kehrte zurück ins Werk. Jetzt ist er Schichtführer bei den Schlossern.
An dem Tag, als Henriette Lehmann und ihr Vater ihre Geschichte erzählen, ist zufällig auch Besuch aus der Nähe von Düsseldorf da. Silvia Nieke, die Schwester von Kokolsky und deren Mann Dürk. Auch sie haben einst im EKO gearbeitet.

Ex-Mitarbeiter erinnert sich gern an familiäre Stimmung

„Ich war im Kaltwalzwerk an der Längsteilanlage, wo die Bleche in Streifen geschnitten werden“, sagt die heute 63-Jährige. „Mein Mann hat die Scheren dazu gebaut.“ Das sei ein schwerer, aber guter Job gewesen“, betont er und erinnert sich gern an die familiäre Stimmung.
2008: Der damalige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (l.) und Ministerpräsident Matthias Platzeck besuchen das Kaltwalzwerk von ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt.
2008: Der damalige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (l.) und Ministerpräsident Matthias Platzeck besuchen das Kaltwalzwerk von ArcelorMittal in Eisenhüttenstadt.
© Foto: Tim Brakemeier/dpa
Doch als Silvia Nieke schwanger war, wollte sie nicht mehr in Schichten arbeiten, suchte sich eine neue Arbeit und irgendwann gemeinsam mit ihrem Mann auch einen neuen Wohnort.
Einer steht ganz ruhig daneben und lauscht: Manfred Kokolsky, 84 Jahre alt und das EKO-Urgestein der Familie. 1952 ist seine Familie in die neue Planstadt gekommen. „Wir haben in Baracken gewohnt, nicht weit entfernt vom Bahnhof“, erzählt er schließlich. Sein Sohn fügt hinzu: „Es gab auch noch eine Barackenstadt – hinter dem heutigen Stahlplatz. Da hab ich früher noch als Kind gespielt“.

Lieber Omis Küche als die Kantine

Maurer habe er zunächst gelernt und als Putzer gearbeitet, erzählt Kokolsky senior. Irgendwann kam er zum Industriekraftwerk vom EKO.
Blick vom Roheisenwerk aufs Kraftwerk am 25.5.1989.
Blick vom Roheisenwerk aufs Kraftwerk am 25.5.1989.
© Foto: Bernd Geller
Da habe ich mich qualifiziert und bin geblieben bis 1991. Dann musste ich gehen.“ Er sei der letzte Mohikaner seiner Schicht, sagt der Schönfließer. „Noch heute fragt er nach der Kantine“, erzählt seine Enkeltochter Henriette. Doch getroffen haben sich die zwei dort noch nicht. „Oma kocht zu gut!“, meint sie mit einem Schmunzeln. Eine Familie, fünf Schicksale, alle verbunden mit dem EKO.