Für viele gehörte dieses Gebäude an der Karl-Marx-Straße zu den besten Schulen, die die Stadt zu bieten hatte - viel Glas für viel Licht, eine eigene Turnhalle, eine Aula und sogar ein angrenzender Horttrakt. Doch unter anderem aufgrund des Einwohnerschwundes gab es irgendwann zu viele Schulen in der Stahlstadt. Und so gehörte die einstige 7. POS "Johannes R. Becher" bald schon zum alten Eisen. Ganz leer aber stand sie nie, ein totaler Verfall wurde so vermieden. Die Aula wurde zwischenzeitlich als Theaterquartier genutzt. In der Turnhalle trainieren heute noch Judoka und Ringer. Und im Haupttrakt befindet sich derzeit noch das Depot des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR.
"Wir haben schon lange Zeit Interesse an dem Objekt", erklärt Verena Rühr-Bach, die Vorstandsvorsitzende der Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft. "Das Gebäude ist zentral gelegen und die Bausubstanz größtenteils noch immer gut." Vor etwa einem Jahr erfolgte deshalb die Kontaktaufnahme mit der Stadt, die Eigentümerin der Immobilie ist. Dort sei man sehr aufgeschlossen gewesen, als die EWG ihr Kaufinteresse signalisierte, sagt die Vorstandsvorsitzende. Und dann verrät sie auch gleich noch, welche Pläne für das Gebäude existieren. Dort sollen auf drei Etagen moderne Wohnungen entstehen, und zwar nicht nur für Senioren und nicht nur für junge Leute, sondern für alle Altersklassen.
Wohnungen in Unterrichtsräumen? Lässt sich ein solcher Umbau realisieren? "Wir wissen, dass in einer anderen Stadt schon mal ein solcher Schultyp umgebaut wurde", versichert Verena Rühr-Bach. Unmöglich ist das also nicht. Mit der Herausforderung soll der Architekt betraut werden, der bereits der ehemaligen HO-Gaststätte Aktivist eine Schönheitskur verpasst hat. Und auch in der Schule sollen bestimmte Hingucker wie die Säulen und die Glasfront möglichst erhalten bleiben. Der Innenhof ließe sich bei entsprechender Gestaltung sicherlich schön als Ruhezone nutzen, beginnt die EWG-Chefin schon ein wenig zu träumen. Inwieweit die Aula, die Turnhalle und das Hortgebäude in den Umbau eingebunden werden, ist noch nicht klar. Zwei-, Drei- und Vierraumwohnungen sollen nach bisherigen Überlegungen lediglich im Haupttrakt entstehen. Die derzeitigen Mieter des Hortes sollen auf jeden Fall mit in die Beratungen involviert werden. Auch die Ringer und Judoka sollen nicht sofort aus der Halle raus, "aber irgendwann eben schon", sagt Verena Rühr-Bach. Als erstes aber müsste das umfangreiche Depot des DOK-Zentrums in die von der Stadt vorgesehenen Container gebracht werden.
Voraussetzung für die ehrgeizigen Pläne der EWG ist ein positiver Beschluss der Lokalpolitiker, die sich heute im nicht öffentlichen Teil der Stadtverordnetenversammlung (SVV) mit dem Verkauf der Immobilie beschäftigen, nachdem das Thema bereits in Fachausschüssen behandelt wurde - ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Über den Kaufpreis herrscht derzeit noch Stillschweigen. Sollte es heute ein Ja geben, visiert die Wohnungsbaugenossenschaft nach Bauplanungen im kommenden Jahr für 2014 den ersten Bauabschnitt an.
In der heutigen Stadtverordnetenversammlung - Beginn ist 17 Uhr - geht es im öffentlichen Teil auch um die Anlage zur Lagerung und Bearbeitung von gefährlichen und nichtgefährlichen Stoffen auf dem alten Plattenwerk-Areal.