"Fünf von ihnen waren sofort tot. Drei andere sind verletzt. Ein Schaf ist verschwunden. Sie alle entstammen einer wertvollen mutterlosen Aufzucht, um Krankheiten zu vermeiden", erzählte Dienstagabend die erfahrene Züchterin. Da traf sie sich auf dem Hof von Hobby-Schäfer Christoph Kersten mit anderen Berufskollegen aus der Region – Profis wie Amateure. "Eine Art Krisensitzung", erläuterte Kersten. Der 36-Jährige hatte ein Wochenende zuvor drei Schafe durch einen Wolf verloren, wie ein Riss-Gutachter bestätigte. "Ein weiteres meiner wenigen Tiere wurde verletzt." Ähnliche Vorfälle gab es auf Koppeln nahe der Ernst-Thälmann-Siedlung und in Vogelsang.
Koppeln technisch aufgerüstet
Zwei weitere Schäferinnen, die zum Dienstag-Treff kamen: Andrea Döring aus Treplin (sie umsorgt knapp 40 Tiere) und Monika Pröll aus Ziltendorf. Die gebürtige Bayerin, die mit ihrem Mann vor zwei Jahren in den tiefen Osten Deutschlands zog ("Ost-Brandenburg bietet so herrlich große Flächen") betreut 1000 Schafe. Auch bei ihr wurden kürzlich sechs Tiere von Wölfen zerfleischt. "Dabei habe wir alle aufgerüstet, zum Teil teure Elektro-Zäune aufgestellt und Herdenschutzhunde gekauft", erzählt Monika Pröll. Die Anschaffung dieser kräftigen und zuverlässigen Hunde ist für jede Schäferei eine beachtliche Investition. Experten beziffern die Kosten für ein geübtes Tier auf 2000 bis 3000 Euro. Hinzu kommen 2500 Euro im Jahr an Futter und Tierarztkosten. Was Schäferin Kerstin Czerwinski ärgert: "Seit November 2019 versuche ich, dass wir im Amt Brieskow-Finken­heerd einen Informationsabend mit möglichst allen Schäfern – auch jenen mit nur drei, vier Tieren – durchführen können. Es gibt so viel zu berichten: Von meist unbekannten Fördertöpfen bis hin zu diesen furchtbaren Wolfs-Angriffen. Wir wurden wieder und immer wieder vertröstet. Von Amtsdirektor Danny Busse erhielt ich am 20. Januar eine spröde formulierte Mail. Jetzt sind wir auf Mai vertröstet worden."
Diese Behauptung hat Mittwochmittag Amtsdirektor Danny Busse befremdet: "Zum einen wurde in der Vergangenheit bereits mehrfach über dieses Thema in öffentlichen Sitzungen des Amtsausschusses beraten. Auch fachkundige Referenten hielten hierzu Vorträge. Dies ist auch erforderlich, da Wolfsmanagement und der Umgang mit Wölfen nicht zum eigentlichen Aufgabenbereich meines Amtes gehört." Die öffentliche Info-Veranstaltung unter Moderation des Amtes habe bisher nicht stattfinden können, weil die Fachfrau des Landesumweltamtes erkrankt ist. Folge: Auch für die MOZ war die Dame nicht erreichbar. Die Schäfer wollen dieses Info-Gespräch in einen offiziellen Rahmen packen. "Wir haben ja nicht nur Freunde", weiß Andrea Döring, die Hundetrainerin ist und ihre Schäferei im Nebenerwerb betreibt.
"Wir erwarten Lösungen von der Politik", forderte Kerstin Czerwinski beim Treffen mit der MOZ. Selbst Leuchtlampen, Schutzzäune von 1,20 Meter Höhe und die Herdenschutzhunde hätten nichts genutzt. "Die Wölfe werden immer trickreicher. Aber warum darf man Wölfe nicht vergrämen, mit Paintball-Munition beschießen oder mit Hilfe mobiler Eingreif-Trupps verjagen?", fragt sie. Sie kann die für sie furchtbare Nacht zum letzten Sonntag nicht vergessen. Ebenso wenig den 30. und 31. März 2016. Damals starben 30 ihrer Tiere durch den Wolf. Im Jahr 2006, informiert das brandenburgische Landesumweltamt, wurde in der Region erstmals ein Wolf gesehen. 2015/16 waren es schon neun Rudel, neun Paare und 41 Welpen im Land. Im vorigen Jahr wurden 41 Rudel, acht Paare und 154 Welpen gezählt.