Was können Kinder machen, wenn sie ihrer Bitte, ihrer Sehnsucht, ihrer Forderung nach Frieden Ausdruck verleihen möchten? Sie können zusammen singen. Das Lied „Kleine weiße Friedenstaube“ zum Beispiel. In dem es in der zweiten Strophe heißt: „Du sollst fliegen, Friedenstaube, allen sag es hier, dass nie wieder Krieg wir wollen, Frieden wollen wir.“ Allerdings – Kinder von heute kennen dieses Lied überhaupt nicht. Es ist zwar fast 74 Jahre alt und wirklich jeder Mensch, der in der DDR aufgewachsen ist, kann es bis heute mitsingen. Weil es einst im Kindergarten, in der Schule, zu vielen Gelegenheiten gern und oft gesungen worden ist. Doch nach 1990 verschwand dieses Kinderlied aus den Schulbüchern, gehörte nicht mehr zum Lehrplan, geriet beinahe in Vergessenheit.

Altes Kinderlied neu gelernt

Zu Unrecht, wie wir spätestens jetzt, da in der Ukraine Krieg ist, wissen. Die Thüringer Kindergärtnerin Erika Schirmer hatte das Lied 1948, drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, getextet und komponiert. Und am Donnerstag (9. März) haben mehrere Hundert Kinder in Fünfeichen im Schlaubetal dieses Lied gemeinsam gesungen, dazu selbst gebastelte Friedenstauben geschwenkt und zum Abschluss 70 Tauben in den Himmel über der Fünfeichener Grundschule aufsteigen lassen – als Zeichen ihrer Forderung nach Frieden in Europa und auf der ganzen Welt.

Kleine weiße Friedenstaube

Kleine weiße Friedenstaube, fliege übers Land;
allen Menschen, groß und kleinen, bist du wohlbekannt.
Du sollst fliegen, Friedenstaube, allen sag es hier,
dass nie wieder Krieg wir wollen, Frieden wollen wir.
Fliege übers große Wasser, über Berg und Tal;
bringe allen Menschen Frieden, grüß sie tausendmal.
Und wir wünschen für die Reise Freude und viel Glück;
kleine weiße Friedenstaube, komm recht bald zurück.
(Text und Melodie: Erika Schirmer, 1948)
Die Idee für diese Aktion hatte Petra Breitenfeld, Lehrerin für Musik, Sport und Flex-Klassen an der Fünfeichener Grundschule, eine Woche zuvor. Da herrschte in der Ukraine bereits seit einer Woche Krieg. „Wir haben den Krieg natürlich von Beginn an im Unterricht thematisiert“, erzählt sie, „und wir haben Friedenstauben ausgeschnitten und an die Fenster geklebt.“ Doch mit dem gemeinsamen Singen sollte noch mal ein besonderes Friedenszeichen gesetzt werden.
In allen Klassen wurde daraufhin gebastelt und das Lied „Kleine weiße Friedenstaube“ neu erlernt. „Alle Kollegen und alle Klassen haben mitgemacht, sogar im Sportunterricht wurde gesungen“, berichtet Petra Breitenfeld. Besondere Unterstützung kam von Taubenzüchtern aus der Region: Sven Götze aus Rießen, Wolfgang Schärfchen aus Bremsdorf und Frank Schenke aus Fünfeichen stellten insgesamt 70 Tauben zur Verfügung. „Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Petra Breitenfeld.

70 Friedenstauben steigen auf

Um 9.15 Uhr versammelten sich Schüler und Lehrer am Mittwoch mit ihren selbst gebastelten Friedenstauben auf dem Schulhof. Bruno Schmincke (9), Schüler der 3. Klasse, spielte zunächst die Melodie des Liedes „Kleine weiße Friedenstaube“ auf einem Keyboard. Gemeinsam sangen dann alle die vier Strophen und schwenkten dazu ihre gebastelten Tauben, die zum Teil auf Stäben saßen. Und nachdem die letzte Strophe verklungen war, öffneten mehrere Schüler die Holzboxen, in denen die Vögel warteten, und die 70 Tauben erhoben sich in den Himmel. Bis auf eine, eine schneeweiße: Petra Breitenfeld nahm diese eine Friedenstaube vorsichtig aus der Box, trug sie zu den Schülern und wer wollte, durfte sie streicheln und ihr „für die Reise Freude und viel Glück“, wie es im Lied heißt, wünschen.
Wunsch nach Frieden: Lia (l) und Hellen aus der 6. Klasse erzählen davon, wie der Krieg in der Ukraine im Unterricht thematisiert wird.
Wunsch nach Frieden: Lia (l) und Hellen aus der 6. Klasse erzählen davon, wie der Krieg in der Ukraine im Unterricht thematisiert wird.
© Foto: Frank Groneberg
Im Unterricht werde das Thema Ukraine-Krieg in verschiedenen Fächern besprochen, erzählt Therese aus Pohlitz. „Wir reden auch zu Hause darüber.“ Warum dieser Krieg geführt werde, wisse sie nicht genau, so die Elfjährige. „Putin will wohl die Ukraine zurückgewinnen.“ Das Lied habe sie nicht gekannt, aber: „Meine Oma hat das früher oft gesungen.“

Unterschiedliche Meinungen zur Kriegsursache

Im Fernsehen sehe sie sich die Bilder aus dem Krieg lieber nicht an, erklärt Lia aus Rießen. „Ich weiß aber, dass der Krieg sehr schlimm ist und dass viele Menschen nach Deutschland kommen.“ Im Unterricht redeten sie viel darüber, vor allem in Gesellschaftskunde, wo der Zweite Weltkrieg gerade Thema sei. „Wir haben im Unterricht erfahren, dass es über die Ursachen des Krieges in der Ukraine unterschiedliche Meinungen gibt, auch unter den Schülern gibt es unterschiedliche Meinungen.“ Putin glaube wohl, dass von der Ukraine eine Gefahr drohe für Russland, laute eine Meinung. „Für die Menschen in der Ukraine ist das alles sehr schlimm.“
Hellen aus Fünfeichen – wie Lia elf Jahre alt – findet das Lied von der Friedenstaube „sehr schön. Weil es um Frieden geht und dass wir keinen Krieg mehr wollen. Ich will auch keine Krieg und die meisten Menschen wollen keinen Krieg“, betont die Sechstklässlerin. Warum der Krieg tobe, wisse sie nicht genau. „Ich wünsche mir, dass sich Putin und der Präsident der Ukraine zusammensetzen und reden und dass der Krieg dann aufhört und die vielen Menschen wieder zurückkehren können in ihre Heimat. Und ich hoffe, dass hier niemals Krieg sein wird!“
Singen für den Frieden: Kleine und ältere Schüler der Fünfeichener Grundschule schwenken ihre selbst gebastelten Friedenstauben.
Singen für den Frieden: Kleine und ältere Schüler der Fünfeichener Grundschule schwenken ihre selbst gebastelten Friedenstauben.
© Foto: Frank Groneberg
Wie Sie den Menschen aus der Ukraine helfen können, lesen Sie hier.