„Scriptorium“ nennt Restauratorin Dorothee Schmidt-Breitung einen ihrer Workshops für Schüler. Der Begriff klingt alt und irgendwie geheimnisvoll. Kein Wunder, hat er doch mit den Zisterziensermönchen in der früheren Klosteranlage Neuzelle (Oder-Spree) zu tun. „Ich stelle historische Schriften vor, wie sie auch die Mönche verwendeten. Wir stellen alte Tinten selbst her, beispielsweise aus Nussschalen. Und jeder Schüler kann die Anfangsbuchstaben seines Namens zeichnen und mit Farben verschönern“, erklärt die 47-Jährige.

Lagerkeller im Kloster als Museumswerkstatt

Damit sich Jugendliche noch besser in die Zeit des frühen Mittelalters versetzten können, vermittelt die gebürtige Sächsin, die mit ihrer Familie im nahe Neuzelle gelegenen Breslack (Oder-Spree) wohnt, ihr Wissen jetzt an einem authentischen Ort: Unter dem Kloster-Kreuzgang befindet sich ein alter Lagerkeller mit Gewölbedecken und unebenen Feldsteinen als Fußboden. Die Stiftung Stift Neuzelle hat ihn der Restauratorin für Wandmalereien als Museumswerkstatt zur Verfügung gestellt. „Was sie tut, macht sie mit unheimlichen Engagement und gibt ihre Begeisterung auch weiter. Das wollten wir unterstützen“, begründet Alin Mosig, bei der Stiftung zuständig für die Museen.
Schulbänke stehen in dem 1280 erbauten Gewölbekeller, von einem Nebenraum aus führt eine Verbindungstür direkt in das benachbarte Gymnasium der Rahn-Schulen im ehemaligen Kloster-Klausurgebäude. Dort ergänzt Schmidt-Breitung, die auch einen Lehrauftrag zur historischen Quellenkunde an der Universität Potsdam hat, bereits seit Jahren unter dem Motto „Denkmal aktiv“ den Geschichts-Leistungskurs der 11. Klassen und arbeitet mit Schülern in Kunstprojekten. So hat sie mit ihnen einen altersgemäßen Audio-Guide speziell für die prunkvolle katholische Kloster-Stiftskirche entwickelt.

Kooperation mit Deutscher Stiftung Denkmalschutz

„Die Vermittlung von Kulturerbe ist ein wichtiges Anliegen der Denkmalpflege. Frau Schmidt-Breitung leistet als Restauratorin eine wunderbare pädagogische Arbeit, weil sie Schüler auf anschauliche und praktische Werkstattarbeit mitnimmt“, erklärt Mechthild Noll-Minor vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege. In Kooperation mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz hat Schmidt-Breitung das vor 15 Jahren für Schulen entwickelte Stiftungs-Projekt „Denkmal aktiv“ in seiner Wirkung und Nachhaltigkeit erforscht. „Sie hat Anregungen zur Denkmalvermittlung erarbeitet, die deutschlandweit in Schulen genutzt werden können“, erklärt Noll-Minor. Die Angebote der Museumspädagogin bezeichnet sie als „in ihrer Lebendigkeit einzigartig“.

Außerschulischer Lernort

Nicht nur das „Scriptorium“ befindet sich in der Museumswerkstatt. Anhand eines tragbaren Museumskoffers vermittelt sie die Klostergeschichte. Die Restauratorin bietet auch Einführungen in die Welt historischer Farben und Materialien an: Vom Pigmentieren bis zum Vergolden können Schüler unter ihrer Anleitung alles ausprobieren. Insgesamt hat sie sechs unterschiedliche Unterrichts-Module entwickelt. „In der aktuell digital überfrachteten Welt habe ich bei meinen Schülern eine haptische Sehnsucht bemerkt. Sie wollen etwas anfassen können - sich also mit Kopf, Herz und Hand ausdrücken“, erklärt Schmidt-Breitung. Außerschulische Lernorte seien deshalb so wichtig und keinesfalls zu unterschätzen.

Farbtöpfchen und Schilfrohr

Für die historische Schriftenkunde bekommen die jungen Nachwuchs-Restauratoren einen hölzernen Bauchladen, den sie sich umhängen können. Darauf befinden sich Farbtöpfchen und Schilfrohr, das als Pinsel dient, sowie viel Platz für die Pergamentblätter, auf denen gezeichnet wird. Zusammen geht es in den Kreuzgang, wo die Museumspädagogin ihren Schützlingen viel Anschauliches bieten kann. „Ich war hier“ steht beispielsweise auf Latein an einer Wand im Südflügel. Auch an anderen Stellen lassen sich kleine Zeichnungen entdecken, die Mönche einst in farbige Muster ritzten. „Ich nenne das immer die SMS des Mittelalters - eine total spannende Geschichte“, sagt Schmidt-Breitung.
Verschiedene Utensilien liegen in der Museumswerkstatt der Restauratorin Dorothee Schmidt-Breitung im Kloster von Neuzelle.
Verschiedene Utensilien liegen in der Museumswerkstatt der Restauratorin Dorothee Schmidt-Breitung im Kloster von Neuzelle.
© Foto: Patrick Pleul/dpa

Verborgene Pforten und geheime Inschriften

Den historischen Klosterkreuzgang kennt sie wie ihre Westentasche: Im Jahr 2005 entdeckte sie bei der farblichen Untersuchung verborgene Pforten, geheime Inschriften, farbige Schmuckbänder und übermalte Wandgemälde. „Im Mittelalter war der Kreuzgang tatsächlich bunt. Erst als das Kloster nach der Säkularisierung 1650 barock überformt wurde, wurden der spätgotische Putz abgeschlagen und die Wände weiß gekalkt“, sagt sie mit hörbarem Bedauern. „Als der Kreuzgang 2008 restauriert worden ist, gehörte Frau Schmidt-Breitung zum Team der Fachleute. Sie hat selbst noch Wandmalereien freigelegt, als die Maßnahme eigentlich schon abgeschlossen war“, erzählt Mosig.
Historische Zeichnungen sind an einer Wand im Kreuzgang im Kloster von Neuzelle zu sehen.
Historische Zeichnungen sind an einer Wand im Kreuzgang im Kloster von Neuzelle zu sehen.
© Foto: Patrick Pleul/dpa
Aufgrund der Corona-Beschränkungen konnte die Restauratorin ihre neue Museumswerkstatt bisher nicht mit Schülern nutzen. Trotzdem sei sie unheimlich dankbar für diese Möglichkeit, sagt Schmidt-Breitung. Die Zeit hat sie genutzt, um gemeinsam mit Mosig kleine Filme zu drehen. In einer der virtuellen 360-Grad-Führungen geht es natürlich durch den Kreuzgang. „Die Videos wollen wir zum Internationalen Museumstag am 16. Mai dieses Jahres auf unserer Internetseite zeigen“, erklärt Stiftungsmitarbeiterin Mosig.