„Meine Kollegen haben das alles sehr aufmerksam registriert, dass nach den vielen bekannten Autoren nun eine Übersetzerin ausgezeichnet wird“, sagte Rosemarie Tietze in ihren einleitenden Sätzen. Und dann schlug sie das von ihr neu übersetzte Werk „Krieg im Kaukasus“ von Lew Tolstoi (1828-1910) auf und entführte die Zuhörer in eine andere Welt und eine andere Zeit. Nicht nur ihre Worte, sondern auch ihre Aussprache und ihre Stimme machten Eindruck und die Lesung zu einem Erlebnis. Dass diese Frau die deutsche Sprache nicht nur exzellent beherrscht, sondern sie auch liebt, das wurde schnell allen klar.
Zum Kreise der Zuhörer gehörten neben Bürgermeister Frank Balzer auch Russland-Experte Prof. Dr. Karl Döring und dessen Frau, die aktuelle und ehemalige Krankenhauschefetage, verschiedene Lehrer, der CDU-Landtagsabgeordnete Andreas Gliese und natürlich Heidelore und Rolf-Rüdiger Henrich von der Stahlstiftung. Sie und all die anderen, die gekommen waren, um Rosemarie Tietze live zu erleben, konnten sich zurücklehnen und einfach nur lauschen – etwas, das heutzutage selten geworden ist.
„Übersetzungen sind für die Reputation und den Fortbestand von Literatur sehr wichtig“, sagte Laudatorin Katja Lange-Müller an dem Abend, an dem auch verraten wurde, dass Stiftungs-Treuhänderin  Heidelore Henrich, Rosemarie Tietze als Preisträgerin vorgeschlagen hat. Die beiden kennen sich – war doch die Übersetzerin 2016 schon Gast des Vereins Lesehütte und stellte „Das Phantom des Alexander Wolf“ vor. Im Russischen fühlt sich die Slawistin jedenfalls genauso heimisch wie im Deutschen. Das spürt man. Rosemarie Tietze gebe den russischen literarischen Werken in ihren Übersetzungen ins Deutsche eine beispielhafte sprachliche Gestalt und mache sie zu einem Kunstwerk eigenen Ranges, heißt es in der Begründung der Jury der Stahlstiftung zur Preisträgerin.
Katja Lange-Müller nannte die Kunst des Übersetzens ein Mysterium. Selbst wenn man eine Fremdsprache beherrsche, befähige einen das noch nicht zu einer guten Übersetzung. Entscheidend sei die eigene Sprache gepaart mit Einfühlvermögen und beweglichem Intellekt. Auch der Mut zur gestalterischen Freiheit dürfe nicht fehlen. Über all das und über Liebe zum Wort verfügt Rosemarie Tietze.(ja)