Die Fritz-Heckert-Straße ist auf dem Stadtplan mit Punkten bedeckt, in der Lindenallee sieht es nicht besser aus und auch in der Cottbuser und in der Robert-Koch-Straße reiht sich Punkt an Punkt: Jeder Punkt steht für eine konspirative Wohnung (KW) bzw. für ein geheimes Objekt. Dort trafen sich die Führungsoffiziere mit Stasi-Spitzeln. Rund 200 konspirative Treffs gab es in Eisenhüttenstadt.
„Das sind schon sehr viele“, sagt Kornelia Gehring von der Frankfurter Außenstelle der Stasi-unterlagen-Behörde. Sie nennt als eine mögliche Erklärung, dass Eisenhüttenstadt durch das EKO für den DDR-Geheimdienst besondere Bedeutung hatte. Für die Bürgerberatung der Behörde, die erstmals in Eisenhüttenstadt stattfand, hatte sie die Karte mit den konspirativen Treffs zusammengestellt. Schon für andere Städte waren ähnliche Übersichten angefertigt worden. In Frankfurt (Oder) konnten 458 geheime Orte der Stasi ermittelt werden.
In den meisten Fällen handelte es sich um Privatwohnungen oder -häuser, wo die Treffs etwa im leerstehenden Kinderzimmer stattfanden, aber auch Institutionen wurden genutzt. Die Wohnungsinhaber gingen eine IM-Verpflichtung ein, erhielten eine Art Aufwandsentschädigung, rund 20 Mark. „Sie mussten die Treffen ausgestalten, zum Beispiel Kaffee bereitstellen“, so Kornelia Gehring. Die Mieter waren dazu angehalten, sich zurückziehen, wenn sich der Führungsoffizier mit seinem IM traf. Der Offizier hatte eigens einen Schlüssel für die Wohnung.
Kornelia Gehring hat die geheimen Treffs aus den Akten ermittelt, die sich in der Frankfurter Außenstelle der StasiunterlagenBehörde befinden. Sie hat Unterlagen von Anfang der 60er-Jahre bis 1998 ausgewertet. „Sogar 1989 sind noch konspirative Wohnungen eingerichtet worden.“ Teilweise wurden die Treffpunkte über Jahrzehnte genutzt.
Eine genaue Zuordnung zu Straßen, Hausnummern, Wohnungen und Personen ist möglich. Wobei Kornelia Gehring ausdrücklich betont: Die Punkte auf der Karte sind nicht adressengenau. „Die eingetragenen Markierungen im Stadtplan lassen eine genaue Zuordnung nicht zu“, sagt sie. Die Punkte zeigen nur an, dass es und wie viele Geheimtreffs es in der Straße gab.
Für einige Objekte oder Wohnungen hat sie auch beispielhaft mit Decknamen aufgelistet, welcher Offizier sich dort mit welchen IMs getroffen hat. Rege ging es etwa im konspirativen Objekt „Schwan“ in der Cottbuser Straße zu. Allein 18 Spitzel sind dem Führungsoffizier dort zugeordnet. „In jeder konspirativen Wohnung wurden im Schnitt fünf IMs betreut“, sagt Kornelia Gehring. Bei 200 solcher Wohnungen kommt sie hochgerechnet auf 1000 IMs für Eisenhüttenstadt. Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht.
Der Stadtplan wird künftig in der Außenstelle der Stasiunterlagen-Behörde in der Fürstenwalder Straße in Frankfurt (Oder) zu sehen sein.
Derweil ist das Interesse an der Stasi ungebrochen. Die Sprechstunde in Eisenhüttenstadt nutzten fast 200 Bürger. „106 Bürger haben einen Erstantrag auf Akteneinsicht gestellt, 64 einen Wiederholungsantrag“, so Kornelia Gehring. Anträge können auch in Frankfurt gestellt werden.