Mit der Inszenierung eines Schul-Amoklaufes zeigt die Theatertruppe Sonni Maier, wie Vorurteile trügen können. Die Schauspieler wollen nicht nur unterhalten, sondern auch sensibilisieren. Das gelingt.
„Amokläufer tragen Schwarz oder Tarnklamotten, spielen die ganze Nacht Egoshooter und hören Death-Metal“, formuliert Mia ihr Täterprofil. Es ist ein raffiniertes Drehbuch, das die Schüler am Montagmorgen in der vollen Aula des Gymnasiums im Stift Neuzelle immer wieder auf die falsche Fährte führt.
Die Handlung: Bei einem Amoklauf an der Eichendorffschule sterben 14 Menschen. Unter ihnen ist auch die 16-jährige Mia (Sonni Maier). Nach kurzer Zeit im Jenseits wird sie zurück auf die Erde geschickt. Sie hat 24 Stunden Zeit, um den Amokläufer zu stoppen. Ihre Vorurteile schicken Mia und die Zuschauer auf die falsche Spur: der aggressive Grufti Hendrick (Tobias Vorberg) ist genauso unschuldig wie die türkische Mitschülerin Hülya (Stefanie Linnenberg), die zu Gewalt neigt.  
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Doch der Täter ist das Opfer: Sandro, der liebe Außenseiter und Banknachbar von Mia, wurde zu lange von seinen Mitschülern drangsaliert. „Ich werde von dieser verschissenen Welt abhauen und alle mitnehmen“, schreit das „Z-Huhn“ am Tag des Amoklaufes. Sein Ziel ist Mia, die seine Gefühle nicht erwidert und selbst begann, auf ihrem Banknachbarn Sandro rumzuhacken. „Du weißt nicht, wie es ist, ein Opfer zu sein“, sagt Sandro wutentbrannt. Kurz bevor es zu spät ist, schafft Mia es, ihn zu beruhigen. Dann stürmt die Polizei die Schule. Um Sandro zu schützen, wirft sich Mia die Jacke des Amokläufers um – ein Schuss befördert sie zurück ins Jenseits.
Das mit Licht- und Toneffekten sowie Situationskomik spielende Theater spricht die Sprache der Jugend. Es erreicht die Schüler nicht nur mit seiner bis zur letzten Sekunde anhaltenden Spannung, sondern auch mit jungen Darstellern und Rollen. „Am Anfang war ich irritiert“, sagt Dajana Ringmann. „Aber dann wurde mir klar, dass es der Nerd ist.“ Milena Pöthke war sich da schon sicherer. „Man hat schon gemerkt, dass er sich verdächtig verhalten hat“, sagt die Zehntklässlerin, die im Alter der Hauptdarstellerin sein könnte. Das Theater ist nicht an den Schülern vorbeigegangen. „Der Film hat mich schon zum Nachdenken angeregt“, betont Milena Pöthke. „Man sollte sich auch um die kümmern, die sich im Hintergrund halten.“
Seit 2013 tourt das Theater Sonni Maier mit dem Theaterstück „Todesengel“ durch Schulen, Theater und Jugendzentren. Das pädagogische Theater aus dem Ruhrpott will Jugendliche für Gewalt an der Schule, Mobbing und Amok sensibilisieren. Mit Erfolg: Bei über 100 Aufführungen in ganz Deutschland sowie in Polen, Dänemark, Italien, Schweiz und Frankreich wurden zirka 20 000 Jugendliche erreicht.
„Als ich Schauspielerin wurde, wollte ich nicht nur zur Unterhaltung spielen“, sagt Sonni Maier. „Sondern mit Theater etwas bewegen.“ Sie wolle dazu beitragen, dass es auf der Welt fairer, gerechter und vielleicht liebevoller zugeht. „Warum wurde Ende so gewählt?“ fragt ein Schüler neugierig bei der anschließenden Diskussion. „Natürlich hätte es ein Happy End geben können“, antwortet Sonni Maier. „Aber dann wärt ihr einfach zurück in den Unterricht gegangen, aber so denkt ihr doch noch mal nach.“ Nein, das Thema sei viel zu ernst, als dass es ein Happy End hätte geben können. „Dass man Vorurteile hat, das ist einfach so“, gibt Tobias Vorberg zu bedenken. „Aber die sollte man ab und zu hinterfragen.“ Das werden auch die Schüler des Neuzeller Gymnasiums.