Animal Hoarding – so lautet der Fachbegriff für das zwanghafte Horten von Tieren. Mitunter betrifft es Hunde, viel häufiger jedoch Katzen und Kleintiere. Bedingt auch dadurch, da ihre Haltung wesentlich weniger kostenintensiv als beim Hund sind und sich Katzen und Kleintiere wie Meerschweinchen bei unkontrollierter Haltung auch wesentlich schneller vermehren.
Oft leben Tiermessis sozial isoliert und können daher ihre Sucht lange geheim halten – bis Nachbarn oder Tierschützer Alarm schlagen. Meistens ist es wegen Geruchs- oder Lärmbelästigung.

Tierheime bekommen Auswirkungen von Tierhortung zu spüren

In den USA gibt es darüber bereits seit den 1980er-Jahren wissenschaftliche Untersuchungen, in der Bundesrepublik erfassen Veterinärämter und der Deutsche Tierschutzbund solche Fälle. Laut Wikipedia hat der Tierschutzbund zwischen 2012 und 2021 437 Fälle mit 30.577 Tieren ermittelt, die Tendenz ist steigend.
Auch in der Eisenhüttenstädter Region ist beispielsweise das Tierheim Am See regelmäßig mit solchen Fällen befasst. Seien es im Stich gelassene Hunde an der polnischen Grenze, halbverhungerte Katzen in der Nähe von Fürstenwalde oder auch massenhaft Meerschweinchen.
Gerade holte die Frankfurterin Stephanie Jordan dort 13 auf drei Personen aufgeteilte Meerschweinchen zur Pflege ab. Vier von ihnen behielt sie, den Rest gab sie weiter.
Derzeit leben in ihrer Mietwohnung im dritten Stock in Frankfurt (Oder) auf etwa zwölf Quadratmetern 21 dieser zwischen 700 und 1300 Gramm wiegenden Nagetiere. Auf wsserdichtem Linoleum hat sie einen mit Streu bedeckten Spezialbelag, dazwischen stehen Raufen mit Stroh und vereinzelt Teller mit zerkleinerten Mohrrüben, Salatblättchen, Gurkenstückchen und auch Paprika.

Meerschweinchen fressen ständig

„Die Meerschweinchen haben einen Stopfmagen, sie müssen ständig kleine Portionen zu sich nehmen, sonst bekommen sie Probleme. Von der Masse her kommt schon einiges zusammen“, erklärt die 30-jährige Studentin. Die in Beeskow aufgewachsene Frau studiert Soziale Arbeit in Jena und steht kurz vor dem Abschluss. In ihrer Bachelor-Arbeit thematisiert sie die Tiermessies. „Ich kann mir vorstellen, einmal im Bereich betreutes Wohnen zu arbeiten. Auch in diesem Wohnumfeld gibt es, wenn auch selten, solche Fälle, seitdem auch dort Tiere gehalten werden dürfen.“
Wie wissenschaftliche Erhebungen in den USA aufzeigen, hätten die Tiermessies in der Regel ein geringeres Einkommen. Im Gegensatz zu den „Objektmessies“, wo es keine Geschlechterunterschiede gebe, sei der Anteil der Frauen bei den Tiermessies recht hoch. Es seien oft Personen des mittleren Alters, die sich oft nach einschneidenden Lebensereignissen vereinsamt stark den Tieren zuwenden. Dabei registrieren diese oft nicht, dass es wegen der nicht artgerechten Haltung ihren Schützlingen oft nicht gut gehe. Unterernährung, Parasiten, Inzucht, Verhaltensstörungen und heftige Rangordnungskämpfe – bei Entdeckung kommen auf Ämter und Tierheime oft sehr hohe Kosten zu.

Man kann nicht jedem Tier helfen wollen

Oft möchte auch Stephanie Jordan helfen. Doch sie weiß, ihre Möglichkeiten sind begrenzt. „Ich halte Meerschweinchen seit etwa zwanzig Jahren, seit zwei Jahren widme ich mich der Aufnahme, Versorgung und Vermittlung – quasi eine Art private Notstation. Sie sehen ja, sie sind hier tiefenentspannt, zutraulich, sie haben Rückzugsmöglichkeiten, es ist sauber, ihnen geht es gut. Doch mehr sollten es nicht werden. Vor zwei Jahren hatte ich noch Kaninchen, doch mir wurde bewusst, dass mir eine artgerechte Haltung nicht möglich ist. Am liebsten würde ich noch weiteren helfen, wenn ich auf Ebay-Kleinanzeigen lese. Doch es geht nicht. Meine Kapazitäten sind erschöpft und ich muss mit mir selbst immer wieder Rücksprache halten, welches Ausmaß an Tieren ich mir zumuten kann.“

Tierhorter sind oft allein

Zwei Böcke und 19 Damen, in der Regel vier, fünf Jahre alt, sind bei ihr untergebracht. Die Männchen sind kastriert. „Bei den Meerschweinchen gibt es eine Haremshaltung. Zu viele Männchen wären wegen der Rangkämpfe schlecht. Es gibt auch unter den Weibchen eine Rangordnung, man sieht es deutlich an den Futterstellen.“
Während es auf ihren zwölf Quadratmetern sehr gesittet zugeht und auch geruchlich nichts Auffälliges festzustellen ist, sehe es bei den Tiermessis Zuhause, auch im betreuten Wohnen, oft anders aus. Schließlich sind Meerschweinchen nicht allzu teuer, aber die Kastration kostet. 70 Tage ist ein Weibchen trächtig, danach könnte es erneut schwanger werden, etwa vier Junge kommen pro Wurf. Schnell hat sich ein Paar vervielfacht.
Eine Umfrage in den USA ergab, dass viele Tierhorter unverheiratet sind. Aus dieser Sucht seien jedoch keine Schlüsse auf die Bildung möglich. Es gibt dabei verschiedene Formen und unterschiedliche Ausprägungen.

Animal Hoarding meistens ein Fall für Psychologen

In der Regel habe sich jedoch ein gerichtliches Verbot für die weitere Tierhaltung bei Tiermessies als wenig effektiv herausgestellt, weil diese sich entweder einer anderen Tierwart zuwenden können oder einfach wegziehen. In Deutschland reicht der Einfluss eines Veterinäramtes in der Regel nur kreisweit. Sowieso sei das pathologische Horten von Tieren eher eine Sache für Psychologen und deren therapeutischer Aufarbeitung, da die Rückfallrate ohne Therapie bei fast einhundert Prozent liegt.
Erste Anzeichen für diese krankhafte Verhaltensweise (Animal Hoarding ist in Deutschland kein eigenständiges Krankheitsbild, daher auch keine eigenständige Therapiemöglichkeit) ist, wenn mehr Tiere als üblich gehalten werden, die räumlichen Anforderungen für eine artgerechte Haltung nicht ausreichen und dem Halter dafür die Einsicht abgeht, gegebenenfalls den Tierbestand zu reduzieren.
Der deutsche Tierschutzbund stellt auf seiner Webseite eine Checkliste zur Verfügung, in denen Betroffene und Angehörige abgleichen können, ob möglicherweise ein Fall von Animal Hoarding vorliegt.