Es muss ein skurriles Schauspiel gewesen sein, was sich im vergangenen Jahr am Forsthaus Siehdichum abspielte. Die Gäste der dortigen Gaststätte hatten auf der Terrasse regelmäßig besten Blick auf mehrere Waschbären, die auf die Bäume kletterten und sich dort in Vogelnestern bedienten. Was auf den ersten Blick ein sehenswertes Naturschauspiel mit putzigen Tierchen zu sein scheint, lässt bei den Verantwortlichen im Naturpark Schlaubetal die Alarmglocken angehen. "Das ist eine Katastrophe! Die Waschbären haben alle Eier herunter geholt, die sie kriegen konnten", beklagt Mathias Schulze, der in der Verwaltung des Naturparks als Sachbearbeiter für Artenschutz und Ökologisierung der Landnutzung arbeitet.
Das Problem sei, dass Waschbären hierzulande keine natürlichen Feinde besäßen. "Die Tiere stammen ursprünglich aus Nordamerika. In den 1950er-Jahren sind einige von ihnen aus dem Tierpark Eberswalde ausgebrochen. In Brandenburg nahm daraufhin die Population unheimlich zu", erzählt Schulze. Auch deutschlandweit seien damals die Säugetiere aus der Familie der Kleinbären immer wieder ausgebrochen oder ausgesetzt worden. Die überwiegend nachtaktiven Raubtiere leben bevorzugt in gewässerreichen Laub- und Mischwäldern. Sie können etwa 70 Zentimeter groß werden und ein Gewicht von bis zu neun Kilogramm erreichen.
"Natürlich sind sie auf den ersten Blick niedlich, doch durch diese Neozoonen wird bei uns das natürliche Gleichgewicht gestört. Mittlerweile hat die Anzahl an Waschbären flächendeckend so überhand genommen, dass sie gerade im Schlaubetal zur echten Landplage geworden sind. Die Tiere sind sehr geschickt und außerdem Allesfresser. Sie brechen beispielsweise in Bungalows über den Schornstein ein, bedienen sich dort an den Vorräten und hinterlassen ein regelrechtes Schlachtfeld. Und für die Natur noch viel schlimmer ist, wenn sie Eier aus Nestern von Vögeln wie Graureihern oder Schwarzstörchen stehlen und diese dadurch in ihrer Art bedrohen", sagt der stellvertretende Leiter des Naturparks.
Rund um den Hammersee würden in diesem Jahr alle Nester der genannten Vogelarten leerstehen. "Es sind mittlerweile fast alle Graureiher verschwunden. Das freut auf der anderen Seite die Fischer, da die Vögel weniger Weißfisch fressen können, der gleichzeitig als Nahrung für Raubfische dient. Außerdem hat dadurch auch der Kormoran mehr zu fressen und nistet sich teilweise schon in anderen Nestern ein. Somit wird das natürliche Gleichgewicht immer weiter gestört", sagt Mathias Schulze, der seit mittlerweile 26 Jahren im Naturpark arbeitet.
Die Probleme sind seiner Meinung nach alle hausgemacht. "Man hat viel zu lange zugesehen und sich selbst überlassen. Jetzt müssen wir endlich handeln." Als Konsequenz werden nun Fallen aufgestellt, um die Anzahl der Waschbären zu verringern. "Diese kontrollieren wir natürlich täglich, wir wollen die Tiere ja nicht quälen. In die Fallen legen wir ein rohes Hühnerei oder andere Lebensmittel. Ein spezieller Geheimtipp ist die Pralinensorte Mon Chéri - das mögen die Waschbären am liebsten", berichtet er.
Am nächsten Tag sei der Köder jedes Mal verspeist - allerdings sitzt nur etwa alle zwei Tage einer der Bären mit seiner typischen schwarzen Gesichtsmaske in der Falle. "Waschbären sind unheimlich gewieft. Irgendwie schaffen sie es immer wieder, sich das Futter zu schnappen und trotzdem nicht in die Falle zu tappen."
Daneben habe man im Naturpark auch die Jäger angespitzt. "Sie sind angehalten, Waschbären zu schießen. Leider sind nicht alle daran interessiert, sondern warten lieber auf eine Jagdtrophäe in Form eines Geweihes", kritisiert Schulze, der auch selbst Jäger ist und unmissverständlich klarstellt: "Ich bin ein Tierliebhaber. Aber wenn mir ein Waschbär begegnet, kenne ich kein Pardon."
Er fordert eine Änderung des Landesjagdgesetzes. "Bezüglich des Raubzeuges brauchen wir dringend andere Vorschriften. Zu DDR-Zeiten war es ja so, dass man für fast alle geschossenen Tiere Geld bekommen hat. Heute ist der Anreiz für viele Jäger aber nicht mehr gegeben, Tiere wie Waschbären zu erlegen. Da braucht man sich dann nicht wundern, wenn auch Fasane oder Rebhühner keine Brut mehr hochkriegen", beklagt Mathias Schulze.