Es ist eine idyllische Landschaft in Weißenspring, Wälder wechseln sich mit offenen Flächen ab. Und einsam ist es dort, keine Spuren menschlicher Zivilisation - keine Häuser, keine Straßen. Das Grün der Bäume und der kniehohen Gräser ist eine der dominanten Farben, die andere ist eine braun-graue Mischung - beispielsweise von alten, vertrockneten Halmen oder von Bruchholz. Wenn dort ein graues Raubtier hungrig durch das Unterholz pirscht, so könnte ein ungeübter Wanderer es kaum erkennen. Für die Rinderherde von Henning Leschke und StephanieWildner war der Wolf ohnehin kein Thema, denn an so große Tiere wagte sich der Jäger nicht ran. Bislang jedenfalls. Dafür attackierten die Rudel hauptsächlich Schafe, Rehe, Mufflons und Wildschweine. Doch seit kurzem häufen sich Attacken auf Rinderherden, so hat ein Rudel vor etwa zwei Jahren ein Kalb mitten in einer Herde in Pohlitz gerissen. In Groß Rietz ist vor etwa zehn Tagen eine Kuhherde nachts in panischer Angst von der Weide geflohen und lief auf die Straße. Eine Kuh wurde dabei tödlich von einem Lastwagen verletzt. Landwirte gehen davon aus, dass nur Wölfe die Rinder so erschreckt haben können.
Auch in Weißenspring hat der Wolf zugeschlagen, vor etwa zwölf Tagen fand Henning Leschke ein totes Kalb auf der Weide. Er betreibt zusammen mit seiner Lebensgefährtin Stephanie Wildner nebenberuflich eine Landwirtschaft. Seit einigen Wochen seien Veränderungen bei der Herde zu spüren, an einigen Tagen wirkten die Rinder so, als wenn sie einen Gutteil der Nacht von einer Ecke zur nächsten geflohen seien. Oft habe man Beschädigungen am Zaun feststellen können, in einer Nacht haben die Tiere offenbar in Panik einen Abschnitt des Zauns zerstört und niedergetrampelt, berichtete Stephanie Wildner. Sie hat vor einer Woche ihr drittes Kind zur Welt gebracht, ihre Mutter Ines Wildner, die in Stuttgart lebt, ist ins Schlaubetal gekommen, um die Tochter zu unterstützen.
Die Attacken auf Rinderherden verfolgt auch Mario Habermann, Wolfsbeauftragter des Jagdverbandes Region Eisenhüttenstadt, aufmerksam. Da Wölfe nicht mehr erfahren, dass sie beschossen und bejagt werden, nähern sie sich immer sorgloser menschlichen Siedlungen. "So erkläre ich mir jedenfalls das Verhalten der Wölfe", sagte Mario Habermann. Ein Wolf frisst im Durchschnitt nach Berechnung der Forscher etwa zwei bis vier Kilogramm Fleisch. Demnach müsste ein Raubtier mit einem gerissenen Reh eine gute Woche auskommen. Aber der Wolf bzw. das Rudel zieht schon am nächsten Tag weiter und lässt den Kadaver zurück - und sucht schon das nächste Opfer. "Neue Untersuchungen haben ergeben, dass ein Wolfsrudel im Jahr durchschnittlich 400 Rehe, 54 Stück Rotwild und 100 Sauen benötigt", erläuterte Mario Habermann.
Kontrovers wird die Frage diskutiert, ob man den Wolf wieder bejagen sollte. Doch im Landesumweltamt sieht man hier keine Notwendigkeit: "Eine Gefährdung für den Menschen besteht nicht. Eine als gefährlich einzustufende Begegnung von Menschen mit Wölfen hat es seit der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland vor fast 20 Jahren weder in Brandenburg noch deutschlandweit gegeben", teilte die Behörde auf Anfrage mit. Der Wolf sei nach Bundes- bzw. Europarecht streng geschützt.
Unterdessen wird es namentlich für einige Schäfer finanziell eng. Dies berichtet beispielsweise Tierhalter Mail Östreich in Görzig. Nach diversen Verlusten in den vergangenen Wochen haben Wölfe vor etwa fünf Tagen bei ihm erneut zugeschlagen und ein Mutterschaf sowie zwei Lämmer gerissen. Einer seiner Herdenschutzhunde sei an seinen Verletzungen verstorben. Maik Östreich ist sich sicher, dass der Beschützer diese nur von Wölfen habe erhalten können.
Dabei räumte Maik Östreich auf Nachfrage ein, dass er zwar Herdenschutzhunde, aber aus Kostengründen keine ausgebildeten und zertifizierten Exemplare einsetze. Denn ein solches Tier würde etwa 4000 Euro und mehr kosten. Die Hunde werden üblicherweise im Duo eingesetzt, für den Betrieb bräuchte man vier oder acht solcher Hunde, damit wäre man bei Kosten von 16 000 bis 32 000 Euro. Dies wären Beträge, die kein Tierhalter mehr aufbringen könne. Unzufrieden ist man mit der aktuellen Politik auch beim Landesbauernverband. Deren Wolfsbeauftragter Jens Schreinicke spricht von "massiven Übergriffen auf Rinderherden". Zu der großen Konferenz von Verbänden der Naturschützer und Nutztierhaltern habe man den Bauernverband ohnehin nicht eingeladen. "Wenn wir dort gewesen wären, dann wäre das Papier dort so nicht verabschieden worden", sagte er. Zu der Aussage des Konferenz-Papiers, dass man als letztes Mittel mit dem Abschuss gegen Problemwölfe vorgehen wolle, sagte Friedrich Hesse vom Jagdverband Region Eisenhüttenstadt, dass für die ländliche Bevölkerung nicht Problemwölfe das Thema seien, "sondern die ausufernde Zahl der Großraubtiere allgemein."
Die Kreistagsausschüsse für Landwirtschaft und für Umwelt wollen im November in einer gemeinsamen Sitzung im November über den Wolf beraten.
Für Ines Wildner ist dies wie eine Reise in eine fremde Welt. Am Wochenende endet ihr Baby-Einsatz: "Wenn ich zuhause erzähle, was ich mit dem Wolf im Schlaubetal erlebt habe - das glaubt mir in Stuttgart keiner."