Allein der Titel der am Sonntag neu eröffneten Ausstellung in der Alten Schule lässt aufhorchen: „Schwarze Milch“ ist eine von dem deutschsprachigen Lyriker Paul Celan geprägte Metapher in seiner 1944 geschriebenen „Todesfuge“, die an die Opfer des Holocaust erinnert. Elena Bronsert war tief bewegt von dem Gedicht ihres rumänischen Landsmanns und ließ sich inspirieren. „Plötzlich spürte ich den Drang: Du musst dir Zeit nehmen, um mehr zu tun. Alles kann so schnell vorbei sein. Man hatte noch etwas vor, es aufgeschoben, nicht getan. Und dann ist es zu spät.“ Dieser Gedanke ließ sie nicht mehr los und setzte ungeahnte Energie und Kreativität frei.
Die Ausstellung von Elena Bronsert gibt Einblick in ihr künstlerisches Lebenswerk, das nicht nur Bilder umfasst. Da stehen auch Blumen aus Pappmaché, bunt bemalte Kisten und Schränkchen, einer ihrer Enkel hat seine „Schatztruhe“ zur Verfügung gestellt und geöffnet. „Viele dieser Dinge sind von Leuten weggeschmissen worden“, erzählt sie und setzt spitzbübisch lachend hinzu: „Ich komme an keinem Müllberg vorbei, ohne reinzuschauen“.
Das älteste der gezeigten Bilder, der segnende Christus, entstand vor über 40 Jahren. „Ich hatte noch keine Erfahrung“, sagt die Künstlerin fast schüchtern. „Da habe ich noch wie ein Kind gemalt, wusste nichts von Techniken und vielfältigen Materialien.“ Auch das jüngste Bild gibt ihrem christlich geprägten Glauben künstlerischen Ausdruck und zeigt in einer filigranen Glasmalerei vor Holz die Kreuzigung. „Ich bin in armen Verhältnissen aufgewachsen und orthodox erzogen. Da wurde nichts in Frage gestellt. Die einzige Hoffnung war Beten.“ Auch wenn sie inzwischen vieles hinterfragt, trug sie der Kinderglaube durchs Leben.
Bereits in der Schulzeit fing Elena Bronsert an, sich künstlerisch zu betätigen, Malerei, Theater, Tanz. „Wir hatten keine schönen Kleider“, erzählt sie. „Doch Rumänen sind bunt, so wie ihre Tänze.“ Sie schuf aus Krepppapier Schleifen, Blumen, Bänder, die aus einfachen Kleidern bunte Kostüme zauberten. Erste Skulpturen formte sie aus dreckigem Lehm von der Straße, den sie in der Sonne trocknen ließ. Auch als sie 1975 nach Woltersdorf kam, war Kreativität gefragt: „Unser Haus war alt, vieles kaputt. Vor jedes Loch habe ich Stoff gehängt, ihn bunt bemalt.“
So spricht zu jeder Zeit aus ihren farbenfrohen Bildern unbändige Lebensfreude. Eins davon ist noch unvollendet, steht deswegen auf einer Staffelei vorm Fenster. „Ich wollte nicht hektisch zu Ende malen, nur weil die Ausstellung eröffnet wird“, erzählt sie mit entschuldigendem Lächeln. „Aber dieses Bild ist mir wichtig.“ Es zeigt eine frühere Kollegin, eine Freundin, die sehr krank ist. „Aber sie lässt sich Kummer oder Angst nicht anmerken. Sie sprudelt noch immer vor Freude und Tatendrang. Das bewundere ich.“ Ihr Enkel Ari kommt hinzu, umarmt die Oma und sagt: „Deine Bilder sind so schön.“ Er male auch sehr gern und hole sich oft von ihr einen Tipp. Dann fragt er: „Wer ist das eigentlich?“ Eng umschlungen stehen beide vor der Staffelei und vertiefen sich ins Gespräch, vergessen allen Trubel um sich herum.
Die Ausstellung bleibt bis zum 8. Februar