Josefine Taubert hat die Wahlzettel schon zu Hause. Die 17-jährige Grünheiderin, die die 11. Klasse des Bechstein-Gymnasiums besucht, ist am Wahltag nicht daheim und hat mit ihren Eltern die Briefwahl-Unterlagen bestellt. Ein riesiger A2-Zettel sei das. "Da stehen super viele Namen drauf." Einige der Namen kenne sie auch, für ihre Entscheidung war das aber weniger wichtig. "Ich habe mir die Parteien rausgesucht, deren Ziele ich befürworte." Bei den ihr bekannten Kandidaten handele es sich um Vertreter von Parteien, die sie nicht gut finde. Dass sie gleich für drei Gremien - Kreistag, Gemeindevertretung und Ortsbeirat - stimmberechtigt ist, war ihr vorher nicht so ganz klar, ebenso wenig, dass der Beeskower Kreistag über die Schule bestimmt, die sie besucht.
Dabei haben Josefine und ihre Schulfreundin Jennifer Lindemann aus ihrem unmittelbaren Wohnumfeld schon erlebt, was es mit Kommunalpolitik so auf sich haben kann. Beide wohnen im Grünheider Wurzelbergweg, um dessen Ausbau es lange Diskussionen gab, wissen von den erheblichen Summen, die da zu bezahlen waren - und kennen den Ärger mit den Besuchern der Reha-Klinik gegenüber, die in ihrer Straße parken. "Als Kind konnte ich da noch unbeschwert spielen." Heute sei das anders.
Betroffenheit von Vorgängen vor der eigenen Haustür - davon kann auch der Rahnsdorfer Christoph Steiner berichten. Doch weil er in drei Kilometern Entfernung westlich der Berliner Landesgrenze wohnt, ist er nicht wahlberechtigt - auch nicht bei der Abstimmung übers Tempelhofer Feld, die zeitgleich mit der Brandenburger Kommunalwahl in der Hauptstadt ansteht.
Auch Rudolf Dietel pendelt zwischen Berlin und Brandenburg - er ist vor kurzem wieder nach Woltersdorf gezogen. Der 17-Jährige bezeichnet sich als sehr politisch interessiert, nimmt an Demonstrationen für Transparenz teil, stößt sich an überflüssigem Fleischkonsum und der Desinformation in der Ukraine-Krise - ihm ist die große Politik näher als die Kommunalwahl. Auch Saskia Nerlich - die mit ihren 18 Jahren ohnehin wahlberechtigt wäre - hat sich noch nicht überlegt, ob sie wählt. Uninformiert irgendjemanden wählen - das komme nicht in Frage, sagt die Schöneicherin. Ihr schwant allerdings, dass es nicht nur Sache der Parteien und der lokalen Parlamente sein könne, auf sie zuzugehen. "Man muss sich auch selbst mehr damit beschäftigen." Die SPD Erkner-Gosen-Neu Zittau hat das mit einem speziellen Erstwählerbrief auch versucht.
Einen anderen Weg gehen der Verein Kulturhaus Alte Schule und der kommunale Eigenbetrieb Sport- und Freizeitanlagen. Sie organisieren am Sonnabend ein großes Konzert auf der Maiwiese unter dem Motto "Toleranz rockt". Mitorganisatorin Lilli Lipka (16) aus Woltersdorf darf ebenfalls zum ersten Mal wählen. Sie weiß auch schon wen: die Grünen. Ihre Mutter mache dort mit, und sie selbst finde Themen wie Umweltschutz besonders wichtig, betont sie. Dass ihre Stimme bei der parallel durchgeführten Europawahl nicht gefragt ist, findet sie in Ordnung. "Mit 16 an den Kommunalwahlen teilzunehmen, ist ein sehr guter Anfang."