Die Täter kamen in der Nacht vom 6. auf den 7. Dezember. Sie stiegen beim Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportplatz in Schöneiche über den Zaun und besprühten Wände, Türen und Fenster mit Kritzeleien und Zeichen. Jens Wiedenhöft, Vorstand des SV Germania 90 Schöneiche, lässt keinen Zweifel daran, dass er sich über den Graffiti-Anschlag auf die Gebäude der Sportanlage geärgert hat. "Das war niveauloses Gedöns", sagt er. Statt die Wände mühevoll zu reinigen, beschloss der Verein, die Täter mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und das Gedöns mit Erlaubnis der Gemeinde von Graffiti-Könnern crossen zu lassen.
Crossen, so heißt im Graffiti-Jargon das Zerstören eines fremden Bildes durch Übermalen. Einer aus dem Verein kannte jemanden, der jemanden kannte – und das ist Marco Wagner. Der 42-Jährige wohnt in Hoppegarten, ist gelernter Maler, arbeitet aber als Tätowierer in Berlin – und als Graffiti-Künstler. Auf Instagram hat er bereits seine Interpretation von Turnvater Jahn gepostet, die er für jeden sichtbar auf die Wand am Eingang des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportplatzes gesprüht hat. "Ich habe einen Bezug zum Ort herstellen wollen", erklärt er. Seine giebelfüllende, gelbstrahlende Schönheit ist dagegen nur für die Besucher des Sportplatzes zu sehen. Eine Germania für den SV Germania Schöneiche. Die Bilder sind Kunst am Bau.
Marco Wagner arbeitet nicht allein hier. Sein Kumpel Marcel sprüht mit grafisch aufwändigen Buchstaben den Namen "Dirk" auf den Putz. Auch sein Sohn Edgar und dessen Freunde sind mit von der Partie; sie haben Wandabschnitte mit Schriftzeichen gestaltet. Die Sprayer bekommen für ihre Arbeit nur die Farbe bezahlt. "Für mich ist das ehrenamtliche Arbeit und Jugendförderung", sagt Marco Wagner und fügt hinzu, "es gibt zu wenige legale Wände." Ergo: Es wird illegal gesprüht.
Auch der Jugendbeirat in Schöneiche sieht das so; Kathrin Ritter von der Eisdiele "Süße Sünde" ebenfalls, deren Giebelwand immer wieder für "Tags" herhalten musste, jetzt mit einem Eistüten-Graffiti geschmückt ist und seither verschont bleibt. "Die Jugendlichen brauchen einen Platz zum Ausprobieren, aber es muss klar sein: Sachbeschädigung geht nicht." Birgit Schürmann vom Naturschutzaktiv Schöneiche hat gerade Graffiti von Informationstafeln im Kleinen Spreewaldpark entfernt, auch Spielgeräte und Skulpturen sind verunziert. Die beiden Täter wurden von einer Wildtierkamera fotografiert und werden jetzt von der Polizei gesucht. "Ich hoffe, die treten hier irgendwann zum Putzen an", sagt sie. Dabei gibt es zumindest eine legale Wand in Schöneiche. Anke Winkmann (CDU) hatte sich dafür eingesetzt, dass eine Wahlplakatwand gekauft und Jugendlichen zur Verfügung gestellt wird. Die steht jetzt vor der Kutlurgießerei und gammelt vor sich hin.
Bürgermeister Ralf Steinbrück unterstützt Initiativen wie am Sportplatz. "Das spart Kosten und hält Schmierfinken ab", sagt er. Nur müsse sich jemand finden, der sich um das Thema Graffiti kümmere. "Es wird ein Wandverantwortlicher gebraucht", sagt Marco Wagner. Dann lässt er Gelb aus der Dose auf die Germania zischen. Ein ungeschriebenes Gesetz in der Graffiti-Szene sagt, dass Bilder von anderen stehen bleiben. Und wenn jemand sein Werk crossen würde? Marco Wagner schaut streng und sagt etwas sehr Drastisches. Weniger drastisch formuliert, heißt das: Dem ziehe ich die Hammelbeine lang.