Sylvia Hildebrandt hockt hinter einem Tisch voller Jacken, Pullover und Schuhe in der Alten Schule Woltersdorf. Jedes Teil prüft die 40-Jährige, bevor sie es in eine Kiste sortiert. Ordnung ist wichtig. "Manchmal bleiben nur Sekunden, um den Menschen die Sachen durch den Zaun zu reichen", weiß Sylvia Hildebrandt.
Für sie ist es der zweite Aufenthalt in Flüchtlingslagern. Im November arbeitet sie in Camps in Slowenien und Kroatien mit. Diesmal führt sie ihr Weg ins Lager Slavonski Brod. 5000 Flüchtlinge dürften sich dort offiziell aufhalten, bis zu 8000 seien es manchmal, sagt Sylvia Hildebrandt. Sie wird wieder im Sektor der Hilfsorganisation Intereuropean Human Aid Association (IHA) tätig werden.
Am Sonnabend starten Sylvia Hildebrandt und ihr Mann. Sonntagmittag will das Paar in Kroatien eintreffen. "Dann entladen wir das Auto und gehen gleich in die Nachtschicht", sagt die Woltersdorferin. Wie die Arbeit verläuft, hängt davon ab, ob das Militär den Geflüchteten nach der Registrierung einen Aufenthalt im Wärmezelt zugesteht oder sie gleich weiterleitet. "Dann bleibt nur ein Moment zwischen zwei Zäunen", sagt Sylvia Hildebrandt.
Manchmal reicht der nicht. Sie denkt an ein Kind, das im November nur eine Decke um die Schultern trug. "Als ich mit einer Jacke zurückkam, war es schon abgefahren." Aber auch die Mutter, die im Sanitätszelt ihren Säugling stillte, während sie für Sohn und Ehemann Sachen heraussuchte, ist ihr in Erinnerung geblieben. "Nachdem ich kurz mit ihrem Baby gespielt habe, ist sie mir um den Hals gefallen, hat mich minutenlang gedrückt und geweint." Wie groß müsse die Verzweiflung der Menschen sein, habe sie sich danach oft gefragt, sagt Sylvia Hildebrandt, die selbst drei Kinder hat.
Die Verständigung im Lager läuft auf Englisch. Außerdem hat die Woltersdorferin von einer Syrerin aus Schöneiche arabische Begriffe gelernt. Zum Schlafen hat sich das Paar ein Pensionszimmer genommen. Die Miete und den Sprit für die 2500 Kilometer lange Fahrt zahlt es aus eigener Tasche und über Spenden.
"Ich finde die Aktion gut", sagt Elke Winter, die Schals in der Alten Schule vorbeigebracht hat. "Man hat ja viel zu viel in seinen Schränken", fügt sie an. Um die 50 Woltersdorfer steuerten etwas bei, schätzt Sylvia Hildebrandt. Viel Werbung hat sie nicht gemacht. Dennoch kam mehr zusammen, als in den Transporter passt. Der Rest wird in Flüchtlingsunterkünfte nach Fürstenwalde und Umgebung gebracht.
Internetberichte über Hilfsaktionen brachten Sylvia Hildebrandt im Herbst auf die Idee, selbst aktiv zu werden. Und da sie sich ihre Zeit als selbstständige Handwerkerin einteilen kann, brach sie im November auf. Enthusiasmus und Abenteuergefühl beflügelten sie. "Jetzt bin ich ruhiger und ernüchtert", sagt Sylvia Hildebrandt, "weil ich gemerkt habe, wie wenig man eigentlich helfen kann."