Kerstin Schmitt ist 53-Jahre alt, eine Frau mit Kämpfernatur. Sie wohnt mit ihrem Mann bei Erkner, wo genau, das möchte sie nicht geschrieben sehen. Sie will in dieser Geschichte nicht im Mittelpunkt stehen, sondern das Scheinwerferlicht auf die Helfer lenken. "Ich empfinde tiefen Respekt für die Mitarbeiter der Immanuel Klinik Rüdersdorf", sagt sie am Telefon und dass sie einen zweiseitigen Brief an die Klinik geschrieben hat, in dem sie schildert, was ihr mit Corona widerfahren ist.
Alles über das Coronavirus und seine Folgen für Brandenburg und Berlin in  unserem Coronablog.
Doch die Geschichte der Helfer ist mit ihrer untrennbar verknüpft. Sie beginnt am 9. März mit einer Gallenoperation in Rüdersdorf. Das Coronavirus scheint noch weit weg zu sein, in China und Italien. Zwei Tage später geht es ihr so schlecht, dass ihr Mann sie in die Rettungsstelle bringt, sie wird mit Verdacht auf Grippe wieder nach Hause geschickt.
Ihr Körper schmerzt, sie hustet, hat Durchfall und Schüttelfrost. "Mein Hals brannte, als hätte ich Salzsäure getrunken", erzählt sie. Die Hausärzte vor Ort wollen sie nicht untersuchen. "Ich habe gebettelt, aber keinen Termin bekommen." Weitere drei Tage quält sie sich, bis ihr Mann sie erneut in die Rettungsstelle fährt. Sie bekommt eine Infusion, die kurz Linderung bringt. Bereits am Abend geht es wieder bergab.Und dann geschieht etwas, das sie kaum fassen kann. Ein Arzt macht sich um sie Sorgen. "Er rief aus der Rettungsstelle an, hatte mit anderen Ärzten der Klinik das Blutbild besprochen, mich am Telefon wimmern gehört und entschieden, dass ich zum Corona-Test kommen soll." Das Ergebnis lautet: Positiv!
Die Isolierstation für Corona-Patienten ist vorbereitet, Kerstin Schmitt bezieht als erste ein Bett. Sie liegt da allein, ihre Gedanken kreisen: ,Warum ausgerechnet ich? Ich war nicht im Ausland, ich war auf keiner Party, ich war nur im Ort unterwegs.’ Sie kann sich nicht erklären, wo sie sich angesteckt hat. Eine Infektionskette gibt es nicht zu verfolgen.
Ein Röntgenbild von ihrer Lunge  beweist, dass sie eine schwere Lungenentzündung hat und jederzeit kollabieren kann. Sie wird auf die Intensivstation verlegt. Trotz ihres Zustandes nimmt sie wahr, dass alle hochmotiviert sind und sich sorgfältig an die Regeln zum Schutz vor Ansteckung halten, wie die Pfleger ihre Brillen desinfizieren, die Schutzkleidung entsorgen, durch eine Schleuse ein und durch eine andere wieder heraustreten. Sie selbst starrt durchs Fenster in den Himmel, Lesen oder Fernsehen kann sie dort nicht, sie hat ohnehin keine Kraft. In ihren Händen stecken Kanülen, sie hat die Bilder von Menschen an Beatmungsgeräten im Kopf. "Ich war die geballte Angst", sagt sie.
Aber vom Arzt bis zur Putzfrau, von allen fühlt sie sich umsorgt. "Irgendwer hat Zeitungen für mich gekauft", sagt sie. Sie weiß nicht, wer. Diese Geste des Mitgefühls habe ihr Kraft geben, erzählt sie. "Denn da gab es jemanden, der von seinem Geld Zeitungen für mich gekauft hat, der also daran geglaubt hat, dass ich sie lesen und nicht sterben werde." Hin und wieder wird sie von einer Hand in Gummihandschuhen gestreichelt. Die menschliche Wärme tut ihr gut.

Applaus für zaghafte Schritte

Sie hält irgendwann die Kabel und Schläuche, das Ausgeliefertsein nicht mehr aus und will aufstehen. Die Ärzte sagen Ja zu ihrem Ansinnen, was für eine Intensivstation ungewöhnlich ist. Ihre zaghaften Schritte zum Fußende des Bettes werden von den Ärzten, Pflegern und Schwestern hinter der Scheibe beklatscht. "Da haben viele Menschen mit mir gekämpft", sagt sie. "Da waren Menschen mit Herz und der gleichen Hoffnung wie ich. Der Hoffnung, das Virus zu besiegen. Und sie haben das Virus besiegt." Kerstin Schmitt ist geheilt und die Quarantäne vorbei. Sie kehrt langsam in ihr Leben zurück – und sagt dem Personal der Immanuel Klinik von ganzem Herzen Danke.
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