Einmal im Monat lädt der Woltersdorfer Verein "Kulturhaus Alte Schule" zur Kinderlesestunde. Am Sonntag lasen erstmals auch Erwachsene für interessierte Zuhörer aus ihren Lieblingsbüchern vor. Der sechsstündige Lesemarathon für Jung und Alt soll nun als jährliche Veranstaltung etabliert werden.
Witzig oder tragisch, klassisch oder modern, biografisch oder belletristisch - beim ersten Lesemarathon des Vereins "Kulturhaus Alte Schule" aus Woltersdorf kamen nur selten zwei Beiträge aus einer vergleichbaren literarischen Ecke. So reichte das Spektrum von spontan aus einem Märchenbuch, bis hin zu längerfristig geplant aus der selbstverfassten Sammlung an Kalendergeschichten vorgelesenen Episoden.
"Diese bunte Mischung macht die Veranstaltung hoffentlich interessant", sagte Denise Henrion am Nachmittag zwischen zwei Lesebeiträgen. Die Woltersdorferin hatte den Lesemarathon etwa vier Wochen vorbereitet, ihn an die Öffentlichkeit getragen, die Lesungen koordiniert. Nun hofft sie, dass der Leseabend anlässlich des Tags des Buches begeistern und sich eventuell als jährlich stattfindende Veranstaltung etablieren kann.
Über diese Phase ist die monatliche Kinderlesestunde bereits weit hinaus. Kein Wunder also, dass am Nachmittag das Kulturhaus gut gefüllt war. Etwa ein Dutzend Kinder und die dazugehörigen Eltern tummelten sich um Kekse, Kaffee und selbstgebackenen Kuchen - wenn nicht gerade einer Geschichte gelauscht wurde. Fünf Kinder zwischen sieben und elf Jahren lasen dem Publikum aus ihren Lieblingsbüchern vor. "Die Konstellation ,Kinder lesen für Kinder' ist besonders spannend", erklärte Denise Henrion. "Sie lesen vor, sind ganz konzentriert und vergessen alles, was um sie herum passiert."
Ab dem frühen Abend veränderte sich das Publikum, der Altersdurchschnitt stieg deutlich an. "Viele junge Erwachsene haben kein Interesse an solchen Veranstaltungen. Sie haben weniger Zeit, da ist Lesen oft einfach nicht so wichtig", vermutete Heidemarie Brauer in Anbetracht der Zuhörerschaft. "Aber das sollte man nicht zu dramatisch sehen." Die 69-jährige Woltersdorferin, die in der Alten Schule eine kleine Buchausleihe als Ausgleich für die längst geschlossene Gemeindebibliothek betreibt, stellte am Sonntag ein Buch vor, das sie bereits seit ihrer Jugend begleitet. Für eine gute Hand voll Menschen las sie zwei Abschnitte aus "Mein Alter Ego" von Karl Hüllweck. Es waren Geschichten, die aus dem Leben gegriffen schienen, auch wenn sie aus der ungewöhnlichen Perspektive eines Kleidungsstückes beschrieben sind. Heidemarie Brauer konnte klar benennen, was sie immer wieder zu dem Buch greifen lässt: "Es hat eine so andere, besondere Erzählweise. Zwischen Philosophieren und Berichten - und immer mit einem humorvollen Zwinkern im Augenwinkel."
"Es gibt einfach so viele tolle Bücher, die man nicht kennt", stellte auch Désirée Beck bei einer Lesung fest. "Diese Veranstaltung ist eine gute Gelegenheit, sich Anregungen zu holen oder eben andere an eigenen Entdeckungen teilhaben zu lassen." Vor allem freute sich die Schöneicherin aber auf den Höhepunkt des Lesemarathons.
Am späten Abend las Ulrich Lipka "Den Untergang des Hauses Usher" von Edgar Allan Poe - umrahmt von Musik Kunst-Rockband Alan Parsons Project. Der Moderator des Deutschlandradios hatte die Geschichte extra für den Lesemarathon aufbereitet. "Es war aufgebaut wie ein Hörspiel. Eine gigantische Stimme, tolle Musik, eine wunderbare Stimmung", fasste Denise Henrion am Ende euphorisch zusammen. "Jetzt brauchen wir einen langen Atem und müssen hoffen, dass die Veranstaltung für sich spricht. Dann hat sich der ganze Aufwand auch gelohnt."